Visitation der Cannstatter Luthergemeinde

Die nächsten Monate werden aufregend oder zumindest erkenntnisreich, denn der Lutherkirchengemeinde in Bad Cannstatt steht eine Visitation ins Haus. Den Auftakt zum prüfenden Gemeindebesuch vor Ort von Cannstatts Dekan Eckart Schultz-Berg und Schuldekan Dr. Uwe Böhm hat Anfang November ein Gemeindeforum gemacht, bei dem nicht nur die Kirchengemeinde sondern honorige Menschen zugegen waren und gehört wurden.

6 Fragen an Pfarrer Dr. Ulrich Dreesman...

© Ulrich Dreesman

Dr. Ulrich Dreesman, geschäftsführender Pfarrer der Cannstatter Luthergemeinde

Dr. Ulrich Dreesman, geschäftsführender Pfarrer der Luthergemeinde in Bad Cannstatt, befindet sich mit seiner Kirchengemeinde bereits mittendrin in der Visitation. Wie so ein ausführlicher Gemeindebesuch aussieht, hat er uns mal erklärt.

RED: Visitation – das klingt so ein bisschen wie die Visite im Krankenhaus, wenn die Ärzteschar ums Krankenbett des Patienten steht… Was steckt in kirchlichem Sinne hinter diesem Begriff?

UD: Visitation heißt Besuch. Die Visitation ist ein kirchenleitendes Instrument, das nachfragt, „ob das Evangelium auftragsgemäß und gegenwartsbezogen verkündet, der Dienst der Liebe an jedermann getan wird und ob dies im Rahmen der Ordnung der Landeskirche geschieht.“ So steht´s wortwörtlich in der Württembergischen Visitationsordnung.
 
RED: Bleiben wir doch nochmals bei dem "Arzt-Patient-Bild". Wer ist "Arzt"? Wer "Patient"? Sprich wer muss sich dieser Visitation stellen und wer führt sie durch?
 
UD: Ob der Vergleich passt? Wenn ja, dann wäre der Dekan der "Arzt" und die Gemeinde der "Patient". Aber die Visitation ist nun mal keine Visite. Ein wenig Kirchenregiment - die Reformatoren haben die Visitation einst eingeführt, um den Fortgang der Reformen festzustellen - steckt noch immer drin. Schließlich formuliert der Visitator, also der Dekan, zum Abschluss der Visitation u.a. eine Beurteilung des bzw. der örtlichen Pfarrer, die in die Personalakte eingeht. Aber Pfarrer und Gemeinde "kurieren" kann er selbstverständlich nicht. Und einfache Rezepte helfen in der Regel auch nicht…

RED: Okay, verstehe. Dann lassen Sie uns mal genauer hinschauen: Was wird dabei und in welchem Zeitraum betrachtet, geprüft und festgestellt?
 
UD: Der Visitator besucht den Gottesdienst, Gremien, Unterricht, er spricht mit den Pfarrern, dem Kirchengemeinderat (KGR) und den Mitarbeitenden. Jetzt hatten wir gerade erst das Gemeindeforum. Weiter geht’s bei uns dann erst Anfang des neuen Jahres.

RED: Apropos Gemeindeforum, was genau verbirgt sich dahinter?Bitte vervollständigen Sie den Satz: Auftakt einer Visitation ist…
 
UD: Das Gemeindeforum ist eine Versammlung, bei der sich die Gemeinde (bzw. ihre Gruppen und Kreise) dem Visitator vorstellt und Stimmen von außen gehört werden.

RED: Bitte vervollständigen Sie den Satz: Ergebnis einer Visitation sollte sein…
 
UD: … dass man viel Papier ad acta legen kann. Nein: Dass dann alles besser wird. Nein: Schaun wir mal.

RED: Und wenn das Ergebnis nicht wie gewünscht ausfällt, muss die Kirchengemeinde dann zur Nachprüfung?

UD: Dekane und Pfarrer kommen und gehen, die Gemeinde bleibt. Am Ende von Visitationsberichten in alten Zeiten, die zugleich eine Sozialstatistik des örtlichen Lebens waren (inklusive der Kommunisten, Säufer, unehelichen Kinder vor Ort), stand der schöne Satz: „Den Zustand der Herzen kennt Gott allein.“

RED: So soll es sein - Ihnen und Ihrer Gemeinde alles Gute und gutes Gelingen.