Eine der ältesten Traditionen Stuttgarts: Das Turmblasen von der Stiftskirche

Es ist eine der ältesten Traditionen in Stuttgart, wenn nicht gar die älteste: Das Turmblasen von der Stuttgarter Stiftskirche. Bereits seit 400 Jahren, also seit 1618, klettern die Turmbläser die 232 Stufen des Westturms hinauf, um von dort oben ihre Musik über der Skyline der Landeshauptstadt erklingen zu lassen.

Stiftskirchenpfarrer Matthias Vosseler weist den Weg

232 Stufen bis zur Plattform des Westturms

Alt und Jung vereint: das Turmbläser-Quartett

"Während früher noch täglich und das mehrfach vom Turm geblasen wurde, wird heute nur noch an den Markttagen, Dienstag und Donnerstag, aufgespielt", erklärt Stiftskirchenpfarrer Matthias Vosseler und deutet den Weg. Die Wendeltreppe hinauf, sage und schreibe 140 Stufen, geht es dann über die Holztreppe an der großen Glocke vorbei hinauf zur Turmspitze.

Im Inneren des Westturms, der hier seit 1530 „fest gemauert in der Erden" steht, spielen sich die 4 Musiker schon mal warm. Der Glockenschlag verkündet es: 8.45 Uhr. Das Quartett - Frédéric Rabold (73), Siegfried Steiger (62) und die beiden Youngsters, Julia Fischer (21) und Ferdinand Frey (23) - betritt die "große Bühne". Sie postieren sich entlang der Außenfassade des Turms, die so schmal ist, dass man sie nur im Uhrzeigersinn betreten kann. Drei Mal spielen sie ihren heutigen Bach-Choral "Nun lasst uns Gott dem Herren", der über dem morgendlichen Stuttgart erklingt.

Unter ihnen ist das Markttreiben auf dem Schillerplatz zu beobachten und manch einer bleibt verdutzt oder mit einem Lächeln stehen und lauscht den Turmbläsern. Das war bestimmt schon vor 400 Jahren so, als noch so genannte "Türmer" oder "Stadtpfeifer" mit ihrem "Zink", einem aus Holz oder Elfenbein gefertigten Blasinstrument mit Mundstück, aufspielten.
Die modernen Turmbläser von heute haben eine Zugposaune in der Hand. "Aber da muss man beim Spielen schon aufpassen, dass einem nicht versehentlich der Zug über die Brüstung der Stiftskirche rutscht", erzählt Musikstudentin Julia Fischer mit einem Augenzwinkern.

Doch die 400-jährige Tradition des Turmblasens von der Stuttgarter Stiftskirche steht auf der Kippe. Die Finanzierung der Ehrenamtlichen, die hier zweimal wöchentlich auf den Turm steigen und von dort oben aufspielen, ist nur noch bis 2020 gesichert. "Wir wollen natürlich als Evangelische Kirche in Stuttgart diese Tradition aufrechterhalten. Das Turmblasen gehört zum Herzschlag unserer Stadt genauso wie die "Graffitis" ganz oben an der Außenfassade des Turms, die schon von dieser uralten Tradition zeugen", so Stiftskirchenpfarrer Matthias Vosseler und wünscht sich dabei ebensolche begeisterten SpenderINNEN, denen dieses Projekt genauso am Herzen liegt wie ihm selbst.

Text & Fotos: Dagmar Hempel