Krankenhausseelsorge hat neuen geschäftsführenden Pfarrer

Das Besetzungsgremium für die Krankenhauspfarrstelle Stuttgart I hat jetzt Dr. Jörg Bauer zum neuen geschäftsführenden Pfarrer der evangelischen Krankenhausseelsorge Stuttgart gewählt. Bauer, der bislang die Geschäfte an der Martinskirche in Oberesslingen führte, wechselt nun zum Herbst hin nach Stuttgart.

6 Fragen an Dr. Jörg Bauer...

© Ulrike Rapp-Hirrlinger

Neuer geschäftsführender Pfarrer der Krankenhausseelsorge Stuttgart: Dr. Jörg Bauer

Bauer, 1961 in Nürtingen geboren und dort aufgewachsen, studierte in Tübingen und Münster/Westfalen evangelische Theologie. Nach einem Gemeindepraktikum Mitte der 80er Jahre in Cleveland/Ohio war er von 1990 bis 1995 Vikar in Schopfloch-Oberiflingen (Kreis Freudenstadt) und Pfarrvikar in Stuttgart-Hohenheim. 2003 promovierte er zum kirchengeschichtlichen Thema "spätmittelalterliche Frömmigkeit" an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen. Dass er "wirtschaften" bzw. die Geschäfte führen kann, hat er bereits schon in Oberesslingen bzw. mit einem Abitur am Wirtschaftsgymnasium in Nürtingen unter Beweis gestellt.

RED: Herr Dr. Bauer, erst mal herzlichen Glückwunsch zu Ihrer neuen Stelle. Sie wechseln aus einer Gemeindepfarrerstelle nun zur Krankenhausseelsorge in Stuttgart als geschäftsführender Pfarrer. Was wird Sie dort erwarten und sind Sie dafür „geimpft“?

JB: Ich werde vielen Menschen begegnen. An erster Stelle als Seelsorger den Patientinnen und Patienten im Katharinenhospital auf den Stationen Neurochirurgie, Radioonkologie, Gefäßchirurgie, Urologie, Unfallchirurgie und chirurgischer Intensivstation. Dann aber auch den Ärztinnen und Ärzten, den Pflegerinnen und Pflegern. Für sie alle möchte ich, so gut ich kann, Wegbegleiter sein und Zuhörer, wenigstens ein Stück weit. Da ich auch als Gemeindepfarrer regelmäßig Besuche im Krankenhaus gemacht habe, ist mir das „System“ Krankenhaus durchaus vertraut. Ich weiß also „in etwa“, was mich erwartet.
„Gut geimpft“ für meine Tätigkeit als Krankenhausseelsorger wurde ich in den vergangenen Jahren nicht zuletzt durch meine KSA-Ausbildung (Klinische Seelsorgeausbildung) in Stuttgart-Birkach, die insgesamt 18 Wochen umfasste. Dort habe ich mit anderen Kolleginnen und Kollegen ganz neu „gelernt“, was es heißt, „Seelsorger“ zu sein, mich und meine Tätigkeit auch immer wieder kritisch zu hinterfragen und den Menschen, denen ich begegne, niemals eine fertige Antwort auf ihre Fragen nach Krankheit, Leid und Tod zu präsentieren. Eine solche Antwort, die möglichst alles erklärt, habe ich weder als Mensch noch als Theologe. Und manchmal muss ich einfach auch nur schweigen, mitleiden, mittrauern und zusammen mit dem erkrankten Menschen Gott die Not klagen und auch ihn anklagen.
Mehr kann und muss ich nicht machen. Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse aus meiner Zusatzausbildung in Birkach.

RED: Die meisten Menschen wollen ja schnellst möglich aus dem Krankenhaus raus – warum wollen Sie dort unbedingt rein?

JB: Ich selber war schon mehrmals in meinem Leben Patient in einem Krankenhaus, einmal aufgrund einer lebensbedrohlichen Herzerkrankung. Ich weiß also aus eigener Erfahrung, welche Gefühle Menschen haben können, wenn sie ins Krankenhaus müssen und dass sie sich auch freuen, wenn sie so schnell wie möglich wieder entlassen werden, weil  die Krankheit geheilt oder die Operation gut verlaufen ist. Das ging mir nicht anders.
Ich will ins Krankenhaus rein, weil ich mir vorstelle, dass ich an einem solchen Ort intensiver Seelsorger und Wegbegleiter sein kann, als ich dies in den vergangenen 13 Jahren als geschäftsführender Pfarrer einer großen Kirchengemeinde sein konnte. Stichwort: Verwaltungsaufgaben. Ob meine Vorstellung Realität wird – fragen Sie mich das bitte in einem Jahr, wenn Sie mögen.

RED: Na, da werden wir nochmals nachhaken... Vom Namensschildchen her - „Dr. Bauer“ - könnte man Sie auf den ersten Blick in dieser Umgebung für einen Mediziner halten. Woran erkennt man den Pfarrer in Ihnen?

JB: Man wird mich als Pfarrer erkennen, weil ich keine weiße oder grüne Arbeitskleidung tragen werde…

RED:
Angst vor einer OP, Angst vorm Sterben, Schmerzen, Tränen und Verzweiflung kommen im Krankenhaus ziemlich häufig vor. Wie gehen Sie damit um?

JB:
Wie gesagt, ich kann mich aus eigener Erfahrung in einen Menschen gut hineinversetzen, der vor einer (großen) Operation steht. Ich wiederhole mich: Ich kann für den Patienten oder die Patientin da sein und versuchen, mit ihm/ihr die Tränen und die Verzweiflung auszuhalten. Ich kann anbieten, mit dem Menschen zu beten oder seine Sorgen zu formulieren, wenn er oder sie das möchte.
Ich will und werde dabei nichts beschönigen oder relativieren und wenn die Not zu groß ist, genauso verstummen wie der betroffene Mensch selbst.
„Sterben“ ist das größte Geheimnis unseres Lebens. Ich weiß nicht, wie das ist. Ich vertraue aber darauf, dass unser Leben nach dem Tod in einer liebevollen Wirklichkeit aufgenommen und geborgen wird. Ich nenne diese Wirklichkeit Gott. Dieses Vertrauen hilft mir zu akzeptieren, dass ich endlich und sterblich bin. Ich hoffe, dass ich dieses Grundvertrauen den mir begegnenden Menschen –manchmal mit Worten, manchmal aber auch nur durch meine Gegenwart – vermitteln kann.  

RED: Heutzutage sind die „Liegezeiten“, sprich die Verweildauer eines Patienten oder einer Patientin im Krankenhaus recht kurz. Welche passenden Angebote oder neuen Angebote kann da die Klinikseelsorge machen?

JB: Da sind für mich an erster Stelle die Erstkontakte bei und mit den Patientinnen und Patienten auf den Zimmern. Dabei wird es – da mache ich mir nichts vor – oft bleiben. Diese können aber oft intensiver sein als mehrmalige Kontakte. Dann: Ich muss das Rad im Stuttgarter Katharinenhospital in der Seelsorge nicht neu erfinden. Hier leisten viele Kolleginnen und Kollegen in ökumenischer Verbundenheit Hervorragendes: Gespräche, Gottesdienste, Andachten unter der Woche, Sterbebegleitung, Segnungs- und Salbungshandlungen etwa im Rahmen eines Gottesdienstes oder auf den Zimmern.

RED: So, jetzt "entlasse" ich Sie mal aus dem Krankenhaus. Wo und bei was trifft man Sie außerhalb an?

JB: Als Kirchengeschichtlicher mit dem Spezialgebiet "Spätmittelalter" konnte man mich in den vergangenen Jahren oft in verschiedenen Archiven z.B. Stadtarchiv Esslingen, Landesbibliothek und Hauptstaatsarchiv Stuttgart antreffen. Dinge aus längst vergangenen Zeiten ans Licht der Gegenwart zu fördern und zu interpretieren, macht mir große Freude. Daneben habe ich in meinem Heimatort Neckartenzlingen - zwischen Tübingen und Nürtingen - einen Wengert (Weinberg), den ich leidenschaftlich gerne bearbeite. Wie mein Name schon sagt: Im „Nebenberuf“ bin ich wohl wirklich Bauer, dem es Spaß macht, ein Stück alte Kulturlandschaft zu pflegen. Regelmäßiges Kraft-und Ausdauertraining mache ich seit vielen Jahren. Das tut nicht nur meinem Herz gut, sondern auch meinem Geist. Es hilft mir auch Dinge, die mich belasten, wieder loslassen zu können.

RED: Dann wünschen wir Ihnen heute schon mal einen guten Start für Ihre neue Aufgabe und weiterhin "frohes Schaffen im Weinberg des Herren" und das im doppelten Sinne.