Fusionen von Kirchengemeinden zum 1. Januar 2019

Aus 8 macht 3 - gleich in drei Stuttgarter Dekanaten stehen Fusionen von Kirchengemeinden an: Bad Cannstatt, Degerloch und Stuttgart-Mitte. Lediglich im Dekanat Zuffenhausen gibt es keine Fusion. Damit werden Vorgaben aus dem PfarrPlan 2024 umgesetzt.

Bei allen Fusionen werden keine Kirchengebäude aufgegeben, sondern man rückt inhaltlich näher zusammen und organisiert z. B. den gemeinsamen Konfirmandenunterricht, verstärkt vor Ort das schon vorhandene diakonische Angebot oder andere gut laufende Aktivitäten für Familien, Senioren sowie Kinder und Jugendliche und teilt sich die seelsorgerischen bzw. verwaltungstechnischen Aufgaben.

Nach den Fusionen umfasst der Evangelische Kirchenkreis Stuttgart ab dem 1. Januar 2019 insgesamt 58 Kirchengemeinden.

4 Fragen an 2 neue Kirchengemeinden...

© Anja Wessel

Pfarrerin Anja Wessel

© Tilo Knapp

Pfarrer Dr. Tilo Knapp

Pfarrerin Anja Wessel und Pfarrer Dr. Tilo Knapp, aus dem Dekanat Stuttgart-Mitte, fusionieren zum neuen Jahr hin zur Evangelischen Kirchengemeinde Markus-Haigst Stuttgart, wobei Fusion an dieser Stelle nicht ganz stimmt, denn die Haigstgemeinde wurde aufgelöst und an die bestehende Markuskirchengemeinde angegliedert. Wir haben beim neuen "Kirchenpaar" mal nachgefragt.

RED: Eher Vernunftehe oder gar Herzensangelegenheit – wie würden Sie die anstehende Fusion Ihrer beiden Kirchengemeinden beschreiben?

AW: Ich würde es so sagen: Eine Vernunftehe, die eine Herzensangelegenheit ist. Sicherlich war der Pfarrplan 2024 der äußere Anlass; die beiden Kirchengemeinderatsgremien haben dann festgestellt, dass über die vergangenen Jahre durchaus schon etwas gewachsen ist, was im Rahmen der nun vor der Tür stehenden Vereinigung weiterwachsen kann. Ich bin zuversichtlich: Da ist schon Platz für Liebe.

TK: Dem kann ich mich anschließen. Die Fusion der Haigst- und der Markusgemeinde hat glücklicherweise eine Vorgeschichte. Nicht nur teilen wir uns seit Jahren die Sekretärin und den Kantor, auch darüber hinaus gibt es langjährige freundschaftliche und kollegiale Kontakte. Durch unsere gut eingespielten Doppeldienste – einmal im Monat sowie durchgehend in den Sommerferien – kennen wir einander ganz gut. Seit vier Jahren gibt es zudem eine gemeinsame Konfirmandengruppe und seit über drei Jahren einen gemeinsamen Familiengottesdienst im Januar. Wir waren somit in der vorteilhaften Situation, dass wir nicht zuerst einmal mühsam Vertrauen aufbauen mussten. Es war einfach schon viel da.
„Vernünftig“ wird die Ehe dann, wenn sie vollzogen wird. Die letzten Wochen und Monate führten in der Tat einen erheblichen Verwaltungsaufwand mit sich. Doch wir wollten diese Prozesse ganz bewusst in kurzer Zeit gemeistert haben. Strukturen sind nicht um ihrer selbst willen da. Jetzt, auf der Zielgeraden, erkennen wir bereits, dass wir einen Rahmen für neue Aufbrüche haben. Da darf dann auch das Herz kräftig mitreden.

RED: So kurz vor knapp – vielleicht ähnlich wie bei manch einer anstehenden Hochzeit – kann man schon mal „kalte Füße“ bekommen und dann berichten sofort die Medien darüber… Nennen Sie mir 3 gute Gründe, die das Ja-Sagen leichter machen und wie Sie die Fusion feierlich begehen werden.

AW: 1. Gemeinsam sind wir stark. 2. Wir sind in Sichtweite zueinander mit zwei ganz unterschiedlichen Kirchen, deren jeweilige Schönheit in der einen Gemeinde entdeckt werden will. 3. „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“ (Psalm 18,30): Menschen aus zwei Stadtteilen (Stuttgart-Süd und Stuttgart-Degerloch) kommen in einer Gemeinde zusammen, um gemeinsam ihren Glauben zu leben und so offene und einladende Kirche zu sein.

TK: 1. Wir schauen nach vorne und freuen uns auf neue Menschen, neue Gedanken und neue Projekte. Und wir werden oft gemeinsam Gottesdienst feiern, das haben wir im neuen Gottesdienstkonzept extra so festgeschrieben. 2. In der Kirchengemeinde Markus-Haigst kann man die Höhen und Tiefen Stuttgarts leibhaftig erleben. Vom Haigst (ursprünglich dem höchsten Punkt Stuttgarts) bis hinab in die Tübinger Straße sind es doch einige Höhenmeter. Und die Zacke ist sicherlich der schönste Stadtbahn-Abschnitt der VVS. 3. Glauben heißt Veränderungen (er)leben. Glaube ist nichts Statisches. Das gilt zunächst einmal für jeden persönlich. Aber auch für die Gemeinde Jesu überhaupt. So bin ich darauf gespannt, wie die neuen Impulse, die teils noch fremden Traditionen, mich auch selbst in Frage stellen oder zum Nachdenken anregen. Wir planen ein großes Fusionsfest am 2. Juni 2019, wobei der Fusionsgottesdienst um 10 Uhr in der Markuskirche den Auftakt dazu macht.

Auch im Dekanat Bad Cannstatt tut sich zu Jahresbeginn etwas. Die Pfarrkollegen Markus Granzow-Emden, Martin Staib, Olaf Creß und Bettina Hoy schließen sich ebenfalls mit ihren jeweiligen Kirchengemeinden zur Evangelischen Lenore-Volz-Kirchengemeinde Bad Cannstatt zusammen. Auf den neuen geschäftsführenden Pfarrer Olaf Creß kommt einiges an Arbeit zu.

© Ev. Lenore-Volz-Kirchengemeinde Bad Cannstatt

Die PfarrerIN der neuen Ev. Lenore-Volz-Kirchengemeinde Bad Cannstatt (vlnr): Martin Staib, Markus Granzow-Emden, Bettina Hoy, Olaf Creß und Lukas Golder (ehemaliger Vikar).

RED: Ihre 4 Kirchengemeinden im Oberen Cannstatt fusionieren ebenfalls. Jetzt könnten Sie künftig eine wöchentliche Skatrunde einrichten, aber ich bin mir sicher, es gibt genug andere Dinge „zom Schaffa“. Wer macht bei Ihnen in Zukunft was?

OC: Das mit der Skatrunde klappt nicht, denn Skat kann man ja nur mit drei SpielerINNEN spielen. Bis März 2019 sind wir aber zu viert, eine Kollegin und drei Kollegen. Ab März wird mit dem Ruhestand eines Kollegen die Stelle in der Andreä-Gemeinde nicht mehr neu besetzt. Die Pfarrstellenzahl reduziert sich dann von 3,75 auf 2,75 Stellen. Laut Pfarrplan werden es dann 2024 nur noch 2,5 Pfarrstellen sein.
Überhaupt sieht es mit einem Spieleabend ziemlich schlecht aus. Wir stecken tief im Fusionsprozess und haben auf den unterschiedlichen Ebenen alle Hände voll zu tun, aus vier Kirchengemeinden die eine Evangelische Lenore-Volz-Kirchengemeinde zu bilden.
Dabei haben wir schon viel geschafft. Mittlerweile ist unser neuer Gemeindebrief fertig. Geplant war, dass er zum neuen Kirchenjahr erscheint. Wir haben es geschafft. Die Arbeit, die wir darin investiert haben, hat sich gelohnt.
Auch gibt es einen gemeinsamen Predigtplan, der ab dem 01.01.2019 greift. Hier wird es sicherlich noch die eine oder andere Änderung geben müssen. Aber wir lernen mit jedem Schritt, den wir nach vorne tun.
Der Internetauftritt ist quasi in der Pipeline - wird also bald fertig sein. Haushalterisch sind wir schon fast eine Einheit.
Da wir eine Kirchengemeinde mit vier Kirchen und den dazugehörigen Gemeindezentren und Kindergärten sind, stehen wir vor der Frage, ob wir in Zukunft diese vielen Gebäude halten können. Intensiv haben wir uns mit der sogenannten Immobilienfrage auseinandergesetzt. Dabei haben wir gemerkt, dass wir für eine gute Lösung mehr Zeit brauchen. Und die nehmen wir uns jetzt. Wir sind und bleiben zunächst eine Kirchengemeinde mit vier Kirchen und den dazugehörenden Gebäuden. Im nächsten Jahr wir werden dann auch die Geschäftsbereiche der einzelnen Pfarrämter festlegen.
Insgesamt sind wir auf einem guten Weg. Natürlich gibt es immer wieder Aufgeregtheiten. Aber wir versuchen diesen Aufgeregtheiten mit Ruhe, Gelassenheit und Weitsicht zu begegnen. Übrigens, wir freuen uns sehr auf unseren Fusionsgottesdienst am 20.1.2019 um 10 Uhr in der Stephanuskirche, denn der Dekan von Bad Cannstatt, Eckart Schulz-Berg, wird die Predigt halten.

RED: Die Vermutung lag nahe, dass Sie sich nach der Lage Ihrer Kirchengemeinden, also Oberes Cannstatt, umbenennen würden. Aber weit gefehlt, denn Sie haben sich für einen ganz neuen Gemeindenamen entschieden. Erzählen Sie mal…

OC: Die Geschichte der Namensfindung ist schnell erzählt. Es zeichnete sich schnell ab, dass der neue Name unserer Kirchengemeinde nicht nur die geographische Lage derselben wiedergeben sollte. Mit dem neuen Namen sollte auch ein inhaltlicher Impuls verbunden sein, der die Arbeit in der neuen Gemeinde voranbringt. Wir suchten also nach einem Namenspatron, besser einer Namenspatronin, die für die neue Gemeinde von Bedeutung sein kann. In den vier Kirchengemeinderäten wurden Namen gesammelt und zu einer Liste zusammengetragen, über die im April in einer gemeinsamen Sitzung abgestimmt wurde. Der Name Lenore Volz hat sich durchgesetzt. Wir sind sehr froh darüber.
Zwar ist sich nun manch einer unsicher, wer denn nun unsere Namenspatronin ist. Deshalb eine kurze Erklärung:
Lenore Volz gehört zu den ersten Pfarrerinnen der württembergischen Landeskirche. Sie war in der Lutherkirche und der Wichernkirche, ach eigentlich in ganz Bad Cannstatt tätig. Viele Menschen in Bad Cannstatt kennen sie noch. Begraben ist sie auf dem Uffkirchhof.
Lenore Volz kann sicherlich als eine Frau beschrieben werden, die in Zeit mit großem Gottvertrauen ihren besonderen Weg ging, auch gegen Widerstände. Ich finde, dass passt sehr gut zu uns.

RED: Ihnen allen einen guten Start ins neue Jahr und alles erdenklich Gute für Ihre neuen Kirchengemeinden.