Die weltweite Kirche trifft man im dritten Stock - DiMOE-Pfarrerin Heike Bosien

Pfarrerin Heike Bosien [Foto: Bernd Eidenmüller]

Im dritten Stock des Hospitalhofs ist die weltweite Kirche eingezogen – unter anderem in Gestalt von Heike Bosien. Die 44-jährige Pfarrerin leitet seit Juli 2014 den Dienst für Mission, Ökumene und Entwicklung der württembergischen Landeskirche (DiMOE).

Feuer gefangen für die weltweite Ökumene hat sie im Theologiestudium. Ein Jahr lang studierte Heike Bosien in El Salvador. „Dort habe ich eine Kirche erlebt, die sich im Bürgerkrieg auf die Seite der Opfer gestellt und sich eingemischt hat in die Friedensverhandlungen. Ohne diese Erfahrung wäre ich wohl nie Pfarrerin geworden“, erzählt sie.

 

Bosien, die in Stuttgart-Wangen aufgewachsen ist, wurde 1998 Jugenddelegierte beim Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK). Von 2006 bis 2013 gehörte sie dem „Zentralausschuss“ des ÖRK an. „In dieser Zeit haben mich viele Begegnungen sehr geprägt, in denen Menschen aus anderen Erdteilen uns wachrüttelten und berichteten von Unrecht und Gewalt in ihren Ländern“, sagt sie. Etwa Tafue Lusama aus Tuvalu im Pazifischen Ozean: „Noch 50 Zentimeter, und meine Insel gibt es nicht mehr, wenn der Meeresspiegel steigt. Was tut Ihr dagegen?“ Für Bosien ist klar: „Wir gehören zusammen - weltweit, ein Leib, ein Leid. Als Kirchen müssen wir international denken, beten und handeln.“

Heike Bosien leitet ein 14-köpfiges Team mit vier Standorten: Stuttgart, Ulm, Heilbronn und Reutlingen. Aufgabe des DiMOE ist es, in Gemeinden und Schulen internationale Themen ins Gespräch zu bringen. Schon die Zusammensetzung des Teams mit vier ökumenischen Mitarbeitenden, aus Chile, Korea und Ghana ist Teil der Botschaft. „Wir wollen anschaulich machen, dass wir als württembergische Landeskirche Teil der weltweiten ökumenischen Gemeinschaft sind.“ Konkret unterstützt der DiMOE Gemeinden und Schulen bei der Planung und Durchführung von Veranstaltungen. „Ich hatte beispielsweise kürzlich in Stuttgart-Uhlbach eine Veranstaltung mit syrischen Flüchtlingen“, berichtet Bosien. „Da hat sich ein Kreis aus der Gemeinde an mich gewandt. Daran gekoppelt haben wir ein Konfirmandenprojekt zum Erntedankfest zum Thema „Eine Welt“.

Ebola – Armut –Korruption: In den Medien wird von den Ländern des Südens meist dann berichtet, wenn es um Probleme geht. Heike Bosien hat eine differenziertere Ansicht: „Im Süden sind im Augenblick die wachsenden Kirchen. Wenn wir jammern, die Kirche werde immer kleiner, dann ist das ein sehr europäischer Blick. Schaut man nach Afrika und Asien sieht es ganz anders aus. Von dort kommt heute viel Inspiration für unseren eigenen Glauben.“

Mit dem Zentrum für entwicklungsbezogene Bildung (ZEB) ist das Thema „Entwicklung“ fest unter dem Dach des DiMOE verankert. „Es ist ein Skandal, dass unser Elektroschrott mit illegalen Einfuhrgenehmigungen in Ghana landet und dort die Umwelt schädigt und Menschen krank macht“, sagt Bosien. 2015 wird das Thema Rohstoffe einer der Schwerpunkte sein im ZEB im Rahmen einer Handy-Aktion, die gemeinsam mit dem Evangelischen Jugendwerk Württemberg, Difäm, BDKJ und vielen anderen Partnern durchgeführt wird.

Die Bedingungen für Globales Lernen und nachhaltige Bildung sind in Stuttgart gut. Die Landeshauptstadt ist auf dem Weg zur „Fair City“. Im neuen Welthaus an der Planie gibt es ein „globales Klassenzimmer“, in dem Schulklassen Fragen der Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit bearbeiten können. „Jetzt gilt es, diese Chance zu nutzen für uns als Kirche“, sagt Bosien. Den typischen Arbeitstag kennt sie nicht. „Mal kommen koreanische Theologiestudierende, die in Deutschland die Diakonie kennen lernen wollen. Oder jemand ruft an: Epiphanias und damit der Tag der weltweiten Kirche steht an – wer kommt zu uns in den Gottesdienst?“ Auch der Kirchentag beschäftigt den DiMOE. Bosien ist an der Vorbereitung des Thementages Ökumene beteiligt, der am 6. Juni 15 in der Schleyerhalle stattfinden soll. Wer Mitarbeitende aus anderen Ländern im Team hat, hat aber auch einiges zu organisieren. „Ob Visa, Wohnung, Deutschkurs, ökumenische Zusammenarbeit heißt, das Leben teilen“, so Bosien.

„Wir bekommen mit der Taufe Geschwister in der ganzen Welt“, das ist für Heike Bosien keine theologische Theorie, sondern erfahrene Praxis und Motivation für ihre Arbeit. Als Gemeindepfarrerin war für die Mutter von drei Kindern wichtig: „Wenn wir Kinder taufen, soll sichtbar werden, dass wir sie hineintaufen in eine weltweite Ökumene“. In ihrer letzten Kirchengemeinde in Ostfildern hat jedes Taufkind ein buntes Hoffnungskreuz aus El Salvador bekommen. „Es sollte zeigen: Wir sind im Glauben und in gegenseitiger Verantwortung miteinander verbunden.“

 

Christoph Schweizer, November 2014