Ein bewegtes Leben in vielen Welten - Elisabeth Kalantar

Wäre alles im Leben von Elisabeth Kalantar nach Plan verlaufen, dann wäre sie heute eine Diakonisse. Stattdessen heiratete die Prälatentochter einen Moslem, ging mit ihm nach Pakistan und machte zuvor, nach der Geburt der ersten Tochter, eine Ausbildung zur Krankenschwester. Wer die Geschichte der lebensfrohen zweifachen Mutter und Großmutter hört, der kann sich kaum vorstellen, dass dies alles in ein Leben hineinpasst.

Bei Elisabeth Kalantar beginnt interreligiöser Dialog direkt hinter ihrer Haustür. Sie selbst ist Christin, ist in zweiter Ehe mit einem zum Christentum konvertierten Iraker verheiratet und hat zwei muslimische Töchter. „Mein Mann verbindet mit dem Islam schlechte persönliche Erfahrungen, während ich als junge Frau damals äußerst positiv von meiner muslimischen Schwiegerfamilie aufgenommen wurde“, erzählt sie.

Damals, das war 1972. Als die Welt zur Olympiade zu Gast in der damaligen Bundesrepublik war, reiste Elisabeth Kalantar ihrem damaligen Mann hinterher nach Pakistan. „Die einzige Berührung, die ich zuvor mit dem Islam hatte, war meine Heirat in einer Moschee in Hamburg“, erinnert sie sich und lacht. Da stand sie nun als 20-jährige inmitten eines traditionellen Haushalts, in dem die Schwiegermutter als Hausvorstand das Sagen hatte, es unmöglich war, alleine auf die Straße zu gehen und die Schwiegermutter zum Ausgehen die Burka trug. „Das war ein Kulturschock“, erzählt sie. Andererseits habe sie dieses Leben in Pakistan in ihrer neuen Familie auch sehr positiv erlebt. „Meine Schwiegermutter war eine sehr starke, mutige Frau, die ihre Familie gut zusammenhielt“, sagt sie. Die junge Frau wurde von ihren Verwandten freundlich aufgenommen und als Schwiegertochter akzeptiert.

„Weihnachten hat mir arg gefehlt dort“, erinnert sie sich. Da half es auch nicht, dass die Familie ihr zu Weihnachten Geschenke machte und ihr einen islamischen Weihnachtsbaum besorgte, den man mit Halbmonden und Sternen schmückte. 1978, als sich die politische Lage änderte, musste die mittlerweile zweifache Mutter bei Nacht und Nebel fliehen, während ihr Ehemann als politischer Gefangener festgehalten wurde.

Schließlich kam er wieder frei, die Ehe wurde geschieden und Elisabeth Kalantar lernte in ihrem britischen Exil ihren zweiten Mann kennen, der vom Islam nichts mehr wissen will. „Es gibt viele Arten vom Islam“, sagt die Mitarbeitervertreterin, die in der Stiftskirche hin und wieder die Kurzgottesdienste gestaltet. So wie ihre Schwiegermutter ihren Glauben praktizierte, könne sie Glaubensausübung akzeptieren. „Sie hat das geglaubt und gelebt. Aber jene Hardliner, die nach außen anders reden, als sie eigentlich leben, lehne ich ab“, betont sie. Elisabeth Kalantar ist es wichtig, dass man sein Leben gut führt und seinen Mitmenschen achtet. „Das sagt im Grunde jede Religion. Ich habe auch viele bigotte Christen erlebt“, sagt die Frau, die so herzlich lachen kann, dass es ansteckend wirkt und die ganz offen und ohne Berührungsängste in ihrem interreligiösen Umfeld aktiv ist. „Man findet in jeder Religion auch Dinge, die einen gemeinsam berühren. Das muss man aber zulassen“, führt sie aus. Ihr Paradebeispiel für den Umgang miteinander ist der barmherzige Samariter. Die Frau, die so viel Optimismus ausstrahlt, ist sich sicher: „Menschlichkeit findet man immer, in jeder Religion.“

 

Text und Foto: Monika Johna, Dezember 2012