Glaube ist keine Privatsache – der ehrenamtliche Flughafenseelsorger Dieter H. Lange

Flughafen Stuttgart. Eine Gruppe Passagiere eilt von der Rolltreppe zum Check-In-Automaten. Ein Name wird ausgerufen, die Dame soll unverzüglich zum Boarding. Nur wenige Meter abseits dieser Airport-Geschäftigkeit, in einem ungefähr 30 Quadratmeter großen Raum auf Ebene 2 in Terminal 3, zündet Dieter H. Lange eine Kerze an. Eine große Altarkerze. Dann startet er den CD-Player. Ruhige Chormusik ist zu hören. Sonst nichts.


Das Musikstück ist zu Ende. In ruhigen Worten begrüßt Lange die beiden Männer, die an diesem Mittag zur Mittagsandacht in der Flughafenkapelle gekommen sind. Der 71-jährige Pensionär ist freiwilliger Mitarbeiter bei der Flughafenseelsorge. Er spricht, an diesem Aschermittwoch, über die Bedeutung des Fastens. Die Fastenzeit biete die Gelegenheit, „Gott Raum zu geben in unserem Leben.“


Herr Lange, warum engagieren Sie sich hier ehrenamtlich? „Viele denken, ihr Glaube sei Privatsache. Das finde ich nicht. Gerade in diesen Tagen, in denen aufgeregt über Pegida und über Islamismus diskutiert wird, ist es wichtig, dass wir öffentlich über unseren Glauben sprechen.“ Interessante Begegnungen ergeben sich. Ein Ägypter, Moslem, komme immer wieder am Stand der Flughafenseelsorge vorbei und spreche mit ihm über Glaubensfragen.


Jeden Mittwoch hat Dieter H. Lange Dienst. 15 Minuten Andacht, 6 Stunden Präsenz am Counter. Eine „ruhige Kugel“ schieben – das kommt für den ehemaligen Soldaten und überzeugten Christenmenschen nicht in Frage. Das Vorbereiten der Andachten bedeutet ihm viel: „Ich komme durch diese Andachten in meiner Glaubensarbeit weiter“, sagt er. Dagegen haben die Gespräche am Tresen der Flughafenseelsorge, direkt neben der Treppe in Terminal 1 gelegen, oft ganz profane Anlässe. Viele drängt die Frage nach der nächsten Toilette. Doch ab und an ist die Flughafenseelsorge auch gefordert, Menschen mit tiefer gehenden Orientierungsproblemen zu helfen.


Dem russischen Tänzer etwa, der unbedingt seinen früheren Ballettlehrer John Cranko treffen will. Cranko war damals schon viele Jahre tot. Der Tänzer war aufgebracht. Die Seelsorge stellte den Kontakt zu seinen Eltern her. Der Vater holte den aufgewühlten jungen Mann ab, flog mit ihm zurück nach Moskau. Oder die verwirrte Schwedin, die in Europa von Flughafen zu Flughafen tourt und den schwedischen König sprechen will. „Das sind Begebenheiten, die gibt es nur am Flughafen“, sagt Lange. Ein Ort mit eigenen Regeln, mit merkwürdigen Begegnungen, aber immer auch mit dem Hauch der weiten Welt. Lange, der früher Offizier bei der Luftwaffe war, mag diese besondere Atmosphäre.


Lange ist überzeugt: Es ist wichtig, dass die Kirche auf dem Flughafen präsent ist. Menschen aus allen Schichten starten hier in den Urlaub oder brauchen Hilfe. „Eine Kirche, die nah bei den Menschen sein will, muss auch auf dem Flughafen sein“, sagt er.

 

Christoph Schweizer, Februar 2015