Neuer Kurs für Ehrenamtliche für die Sitzwache

Die Sitzwache des Hospizes Stuttgart bietet ab Januar 2018 wieder einen neuen Fortbildungskurs für Ehrenamtliche an. In diesem Qualifizierungskurs werden Ehrenamtliche auf die Sterbebegleitung in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern vorbereitet. Das kann für die schwer kranken und sterbenden Menschen und ihre Angehörigen in der letzten Lebensphase ein Stück Lebensqualität darstellen.

© Kernwein Portrait

Christa Seeger, Leiterin der Sitzwache des Hospizes Stuttgart, ist gleichzeitig Diakonin und Palliativfachkraft. In Auswahlgesprächen vor dem eigentlichen Kursbeginn informiert sie Ehrenamtliche über die Aufgabe, die auf diese dann zukommen wird. Sie ist auf der Suche nach Menschen, die sich eine Sterbebegelietung zutrauen und das nötige Rüstzeug dafür mitbringen. Um schon mal einen tieferen Einblick in die Arbeit der Sitzwache zu bekommen, haben wir sie zum Interview gebeten. 

RED: Bei der Sitzwache „sitzt“ und „wacht“ man offensichtlich – aber bei wem, wann, wo, warum und wie lange, Frau Seeger?

CS: Bei der Sitzwache des Hospizes Stuttgart sitzt man an den Betten der schwer kranken und sterbenden Menschen. In den Abendstunden oder in der Nacht wacht man tatsächlich auch. Heute sprechen wir von ambulanten Hospizdiensten oder ambulanter Hospizarbeit. Der Begriff „Sitzwache“ ist eher historisch geprägt; hat sich aber in Stuttgart etabliert. Die Begleitungen der Ehrenamtlichen finden ganz individuell, je nach Absprache mit dem Betroffenen, der Familie oder dem Bevollmächtigten und dem Pflegeteam statt. Wir begleiten am Nachmittag, in den frühen Abendstunden oder bis zum Ende des Tages.
Begleitet werden Menschen, die/deren
•    unruhig sind oder Angst haben.
•    nicht alleine sein können oder wollen.
•    dementiellen Veränderungen unterliegen.
•    einen großen Redebedarf haben.
•    ihre Ruhe brauchen.
•    Familie weit weg wohnt.
•    Lebensgeschichte sehr komplex ist.
•    von der Erkrankung gezeichnet sind.
•    einen anderen Menschen spüren müssen, weil es keine Familie mehr gibt.
Grundsätzlich begleiten wir unabhängig von Konfession, Nationalität, Alter und Weltanschauung.

Unser Schwerpunkt ist die psychosoziale Begleitung in engem Kontakt mit den anderen Berufspruppierungen, die um den sterbenden Menschen tätig sind. Wir versuchen uns an den Wünschen und Bedürfnissen des sterbenden Menschen zu orientieren.

Wir begleiten in Pflegeeinrichtungen, Krankenhäusern und hin und wieder auch in Einrichtungen, in denen Menschen mit geistigen Behinderungen leben. Wir begleiten Menschen im stationären Hospiz.
Die Länge der Begleitung ergibt sich aus der individuellen Betreuung der Menschen. Das kann von einer halben Stunde bis zu vier Stunden gehen - je nach Bedarf und Situation der betroffenen Menschen. Das was gut tut und das, was vor Ort dann passt.
Die Begleitung kann in den letzten Tagen oder über Wochen und Monate dauern.
Im Hintergrund steht ein Team an hauptamtlichen Koordinatorinnen mit der Zusatzqualifikation als Palliative-Care-Fachkraft, die die Ehrenamtlichen begleiten und beraten und gemeinsam das Erlebte reflektieren. Diese begleiten und beraten auch Angehörige. Sie kümmern sich um die besonderen Symptome des Sterbens und um schmerzfreie Situationen. Durch eine Rufbereitschaft sind wir immer erreichbar auch - in schwierigen Situationen.

RED: Meine Mutter saß mal 5 Stunden an meinem Krankenbett – aber wer sind denn diese Menschen, die da sitzen und wachen?

CS: Die Ehrenamtlichen sind in den Einrichtungen nicht fremd. Sie gehen dort oft ein und aus. Dem sterbenden Menschen, der nicht alleine sein möchte, ist es sehr wichtig, überhaupt eine menschliche Hand halten und spüren zu können. Den geschulten Ehrenamtlichen gelingt es in eine fremde Lebensgeschichte einzutauchen.

RED: Wie werden Ehrenamtliche auf so eine Aufgabe vorbereitet und währenddessen betreut?

CS: Jährlich findet ein Qualifizierungskurs statt. Das heißt, wir suchen fortlaufend neue Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren möchten. Sie erhalten eine intensive Vorbereitungszeit mit vielen Themen zu Sterben , Tod und Trauer. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Betroffenheit ist dabei wichtig. Es gibt Hospitationen vor Ort in einer Pflegeeinrichtung und ein Kennenlernen vom Stationären Hospiz und einer Palliativstation. Das sind 100 Unterrichteinheiten. Betreut werden die Ehrenamtlichen von langjährig erfahrenen Koordinatorinnen und Palliative-Care-Fachkräften die den Kurs leiten.

RED: Reden, Hände halten, lächeln oder Stille, gütige Blicke und beten – was ist bei der Sitzwache gefragt?

CS: Ich denke, dass das die wichtigste Eigenschaft der Ehrenamtlichen sein sollte, die Situation vor Ort mit aushalten zu können, die eben gerade da ist. Das ist nicht einfach. Denn „etwas tun“ ist einfacher als eine schwierige oder unruhige Situation mit auszuhalten.
•    Es werden Gespräche geführt, sofern der Mensch noch sprechen kann.
•    Es werden Hände gereicht zum Festhalten, was sehr gut tun kann, wenn jemand unruhig ist oder Angst hat.
•    Es gibt Begleitungen, wo die Stille ihren Platz hat.
•    Es gibt Situationen, in denen Dinge besprochen werden müssen, die vielleicht noch nie oder mit niemanden sonst besprochen werden konnten.
•    Es wird gebetet, wenn der sterbende Mensch das wünscht
•    Es wird nicht gebetet, wenn der sterbende Mensch das nicht wünscht.

Die Körpersprache des anderen Menschen kann viel aussagen und es braucht ein feines Gespür und die Schulung aller Sinne, um einen schwer kranken und sterbenden Menschen begleiten zu können. Vor Ort kann ich nur auf meine eigenen Gefühle vertrauen.

RED: Was ist mit einer kleinen Kaffeepause, einem Toilettengang oder ein Buch zum Lesen für die Ehrenamtlichen – geht das bei der Sitzwache des Hospizes Stuttgart?

CS: Wenn ein Ehrenamtlicher eine Pause braucht, dann muss er eine Pause machen. Egal, aus welchem Anlass. Manchmal brauche ich eine Pause zwischendrin, um mich selbst wieder abzugrenzen oder einmal Luft zu holen. Das kann ich immer sagen und ankündigen. Manchmal macht es Sinn, die Zeitung oder ein Buch zu lesen. Das kann genauso eine ruhige und vertraute Situation ergeben wie das Vorlesen von einem Text oder Ähnliches. Allerdings darf es nicht die Motivation sein, dass ich zur Begleitung gehe um „mein Buch“ zu lesen. Es steht immer der sterbende Mensch im Vordergrund. Er oder sie geben den Weg vor.

RED: Und zum Schluss, Frau Seeger: Kann ein sterbender Mensch gehen, wenn ein anderer bei ihm sitzt und wacht?

CS: Unsere Aufgabe ist es, den Weg über einen kürzeren oder längeren Zeitraum mit zu begleiten. Hin und wieder sind Ehrenamtliche beim Sterben dabei. Das ist ein sehr besonderes Erlebnis. Das ist eine sehr intime Angelegenheit und das letzte Entscheiden des sterbenden Menschen, ob er mit einem Menschen begleitet gehen möchte oder mit seiner Familie oder eben allein diesen Weg geht. Das erfordert größten Respekt vor diesem Menschen.

RED: Vielen lieben Dank, Frau Seeger, für den Einblick, den Sie uns in die Arbeit der Sitzwache gewährt haben. Interessenten für den neuen Fortbildungskurs der Sitzwache finden alle Informationen zum Download im Anhang.

Sie möchten ehrenamtlich bei der Sitzwache tätig werden?