Seelsorge in der Psychatrie

Martin Götz ist Seelsorger mit besonderer Mission: Anstatt Taufen, Beerdigungen oder Hochzeiten kommen auf den Pfarrer tagtäglich ganz andere Anforderungen zu, denn er arbeitet mit psychisch erkrankten Menschen. Wie er seinen Alltag als Seelsorger am Zentrum für Seelische Gesundheit (ZSG) in Bad Cannstatt bzw. am Psychiatrischen Behandlungszentrum Mitte in der Türlenstraße erlebt und diesen gestaltet, das verrät er in einem ganz persönlichen Bericht.

Martin Götz - Seelsorger am ZSG

Jeden Morgen auf dem Weg von meiner Dienstwohnung im Stuttgarter Westen in mein Büro im Zentrum für Seelische Gesundheit (ZSG) in Bad Cannstatt passiere ich eine Vielzahl von Baustellen und stelle fest, wie Stuttgart sich verändert, wie Stuttgart sich wandelt, in vielfältiger Hinsicht. Auch die Krankenhauslandschaft ist von diesen Veränderungen betroffen. So wurde das ehemalige Bürgerhospital aufgegeben und die bisherigen Stationen auf unterschiedliche Standorte in Stuttgart verteilt. Der Schwerpunkt der psychiatrischen Stationen wurde auf den neuen, hochmodernen Standort in Bad Cannstatt gelegt und aus der ehemaligen Krankenhauspfarrstelle V am Bürgerhospital wird die Krankenhauspfarrstelle Bad Cannstatt II am ZSG.

Im ZSG wurden für den evangelischen und katholischen Seelsorger Büros eingerichtet und wir nutzen gemeinsam mit den Kollegen und Kolleginnen am Krankenhaus Bad Cannstatt den „Raum der Stille„ als Gottesdienstort, als Raum für Gespräche, als Raum für Gebete und religiöse Rituale, die in der  Seelsorge mit psychisch erkrankten Menschen eine bedeutende Rolle einnehmen.

Die verbleibenden psychiatrischen Stationen in der Türlenstraße wurden gemäß der Ökumenischen Rahmenvereinbarung zwischen dem evangelischen und katholischen Seelsorger aufgeteilt.

Immer wieder werde ich gefragt „Was macht denn ein Pfarrer in einer hochentwickelten Psychiatrie?" „Sie haben doch keine Neuroleptika oder Antidepressiva zu verteilen?" „Verfügen Sie wenigstens über eine psychotherapeutische Zusatzausbildung?"

Daher hier ein kurzer Einblick in die Seelsorge mit psychiatrischen Patienten:

  • Psychisch erkrankte Menschen haben die oben genannten Erwartungen an mich gar nicht!
  • Durch die Aushänge auf den Stationen, durch die Vorstellungen in den Morgenrunden auf den Stationen und durch mein Namensschild werde ich als Pfarrer erkannt und damit als Repräsentant der religiösen Dimension, also dessen, was mich unbedingt angeht. Ich komme von der Kirche im Namen Gottes; trotz Klinik-Zugehörigkeit bin ich nicht identisch mit ihr.
  • Dies eröffnet einen Freiraum, in dem es ausreicht , als aufmerksamer Gesprächspartner präsent zu sein, der keine Angst vor den existentiellen Fragen des Lebens hat.
  • So wird oftmals aus einer zufälligen, zunächst belanglosen Begegnung ein existentielles Gespräch im Deutehorizont des christlichen Glaubens.
  • Dann tauchen Fragen auf wie „Was trägt dein Leben?" „Worauf bzw. auf wen verlässt du dich?" „Worauf hoffst du?“

Von Franz Kafka stammt der Satz: „Der Mensch kann nicht leben, ohne ein dauerhaftes Vertrauen zu etwas Unzerstörbarem in sich.“
Ich denke wir sind es psychiatrischen Patienten und Patientinnen schuldig, sie bei der Suche nach etwas Unzerstörbarem, Verlässlichem zu begleiten und zu unterstützen. Dazu ist es aber nötig, dass wir selbst bereit sind, uns immer wieder mit ihnen auf die Suche zu begeben.

Text & Bild: Martin Götz