Wenn der Piepser Alarm schlägt...

Eigentlich ist Juliane Jersak Pfarrerin in der Evangelischen Kirchengemeinde Stuttgart-Nord, doch in regelmäßigen Abständen hat sie einen kleinen Begleiter, der ihren Tagesablauf oder Schlafrhythmus von jetzt auf gleich verändert. Dann ist Eile geboten, denn der Funkmeldeempfänger warnt sie schon mal vor, dass irgendwo im Stadtgebiet ihre Hilfe als Notfallseelsorgerin gebraucht wird.

© Juliane Jersack

Juliane Jersak - Pfarrerin und Notfallseelsorgerin

Zu nachtschlafender Zeit wecken mich Funkmeldeempfänger und Handy mit durchdringendem Lärm. Sofort sitze ich hellwach im Bett, lese im Display: „Betreuung Angeh. n. Suizid“ und lasse mich von der Leitstelle der Feuerwehr, die mich alarmiert und angefordert hat, über die Situation informieren.

Kurz noch muss ich ins Bad und mache mich dann schnellstmöglich auf den Weg zum Einsatzort. Wenn wir NotfallseelsorgerINNEN kurz darauf eintreffen, wissen wir nie, was uns erwartet. Manchmal sitzen ein oder mehrere Angehörige da: weinend, aufgewühlt, sprachlos oder versteinert. Sie können die furchtbare Wahrheit nicht fassen. Gefühle überschlagen sich, Verzweiflung, Niedergeschlagenheit mischen sich mit Ratlosigkeit oder Wut. Jetzt sind Empathie und Behutsamkeit gefragt. Wer braucht in dieser Situation was? Wie kann ich helfen, wo muss ich nur zuhören und da sein, wo muss ich ganz praktisch unterstützen? Jede Situation ist neu, jede Begegnung auf ihre Weise besonders. Ja, es ist manchmal anstrengend. NotfallseelsorgerINNEN brauchen gute Nerven, psychische Stabilität und Durchhaltevermögen. Eine gewisse körperliche Fitness kann auch nicht schaden. Wichtiger ist mir aber unser „Anker im Himmel“: unser Vertrauen auf Gott, der für uns selbst und für die Menschen, die uns plötzlich für eine kurze Wegstrecke anvertraut sind „Licht im Dunkeln“ aufzeigt. Glaube und Lebensfreude sind wichtig, denn bei den meisten unserer Einsätze ist der Tod im Spiel.

Unvermutet wirft der Schatten des Todes und akute Krisensituationen Menschen aus der Bahn. Das passt dann so gar nicht in unsere auf Perfektion und Funktionieren getrimmte Alltagswelt. Wie gut, wenn genau dann Menschen nicht alleine sein müssen und ihnen jemand beisteht, der nicht persönlich betroffen ist, wohl aber empathisch Anteil nimmt und unterstützt. Wir NotfallseelsorgerInnen nehmen uns diese Zeit. Wir bleiben so lange vor Ort, bis eigene Ressourcen wieder greifen, bis Familien und Freunde weiter begleiten. Wir erläutern Abläufe, geben wichtige Informationen zu Fragen wie „Warum kommt jetzt die Kriminalpolizei, was will die von mir?“ „Warum kommt es zur Beschlagnahmung des toten Angehörigen?“ „Wie geht es jetzt weiter?“  
Manche dieser Fragen können wir leicht beantworten. Oft drängt sich aber die Frage nach der Schuld schnell ins Bewusstsein und wir sind auch für seelsorgerliche und theologische Fragen gut geschult und vorbereitet. In akuten Krisen helfen wir mit Gebeten und Segenshandlungen; beim Abschied mit Aussegnungen.

Trotzdem kennen wir auch die Grenzen der Notfallseelsorge. Eine langfristige Begleitung über die Situation hinaus können wir nicht leisten. Wenn wir das für sinnvoll erachten, bauen wir NotfallseelsorgerINNEN auch Brücken zu Beratungsstellen und Gemeindepfarrer/innen vor Ort.
Seit 16 Jahren gibt es die Notfallseelsorge hier in Stuttgart, die aktuell wochenweise abwechselnd mit dem Kriseninterventionsteam der Johanniter Unfallhilfe Menschen im ganzen Stadtgebiet Stuttgart begleitet.

Seit 2014 bin auch ich Mitglied im Team der Notfallseelsorge. Angefangen habe ich aus einem Gefühl der Solidarität gegenüber den Kollegen und Kolleginnen, die hier im Stadtgebiet bereits tätig waren. Wenige haben viele Dienste übernommen und da ich davon überzeugt bin, dass die Seelsorge auch in Notfällen zu unseren ureigensten seelsorgerlichen Aufgaben als PfarrerIN gehört, habe ich mich ausbilden lassen.
Ja, die Bereitschaftszeiten sind spannend und anstrengend. Und ich atme jedes Mal durch, wenn ich die Ausrüstung inkl. Funkmelder und Handy an den/die Nächste/n weitergegeben habe. Aber inzwischen übernehme ich „meine“ Wochen in der Notfallseelsorge wirklich gerne. Noch nie hatte ich das Gefühl, dass mein Weg und Dienst vergeblich waren!
    

 

Text: Juliane Jersak