Verabschiedung von Irmtraud Ahlers aus der Klinikseelsorge

Irmtraud Ahlers, die geschäftsführende Krankhausseelsorgerin des Kirchenkreises Stuttgart, wird am 5. April 2017 im Rahmen eines Gottesdienstes in der Hospitalkirche verabschiedet. Ahlers leitete seit 2009 die Geschäfte und war zugleich Krankenhausseelsorgerin am Klinikum Stuttgart (Katharinenhospital).

6 Fragen an Irmtraud Ahlers...

© Irmtraud Ahlers

Geschäftsführende Krankenhausseelsorgerin Irmtraud Ahlers geht

Zu den Aufgaben der ursprünglich aus Bremerhaven stammenden Theologin gehörten als geschäftsführende Krankenhausseelsorgerin die Gesamtbelange der Krankenhausseelsorge in Stuttgart. Irmtraud Ahlers war für die thematische evangelische und ökumenische Jahresplanung zuständig, konzipierte und leistete die Einführung der Ehrenamtlichen in die Krankenhausseelsorge und organisierte die Wochenendrufbereitschaft. Um mehr über Irmtraud Ahlers und die Krankenhausseelsorge an sich zu erfahren, haben wir sie zum Interview gebeten.

RED: Frau Ahlers, wie hat Ihr beruflicher Werdegang Sie zur Klinikseelsorge gebracht?

IA: Die Krankenhausseelsorge hat schon gleich zu Beginn meiner Berufsausbildung einen besonderen Stellenwert eingenommen. In der Hannoverschen Landeskirche haben wir Vikare im Rahmen der Seelsorgeausbildung ein Praktikum im Krankenhaus absolvieren müssen. Die Arbeit in der Seelsorge hat mich gleich angesprochen. So ist sie von Anfang ein Schwerpunkt in meiner Tätigkeit als Pfarrerin geworden.
Nach meinem Wiedereinstieg in die Pfarrerstätigkeit vor ca. 20 Jahren habe ich ziemlich bald mit meiner Weiterbildung im Bereich Seelsorge begonnen. Nach zwei Jahren hatte ich die Grundausbildung zur Krankenhausseelsorgerin absolviert und sattelte dann noch eine Supervisionsausbildung drauf, die mich mit (größeren Unterbrechungen) bis 2010 beschäftigt hat. Seit meiner Zeit in Esslingen, also seit 2004, war ich auch in der Ausbildung zur Seelsorge und Krankenhausseelsorge tätig.
So war es für mich stimmig, mich Mitte 2008 auf die Stelle im Katharinenhopsital in Stuttgart zu bewerben, zumal meine Stelle in Esslingen auf 5 Jahre begrenzt war.

RED: Welche Aufgaben genau umfasst denn die Krankenhausseelsorge?


IA: Hauptsächlich die Seelsorge an den Patienten und den Mitarbeitenden in dem Zuständigkeitsbereich im Krankenhaus. Dies geschieht vom Anspruch her auf ökumenische Weise. Es bedarf dafür kollegialer Absprachen und Besprechungen auf verschiedenen Ebenen. Zur Krankenhausseelsorge gehört aber auch die Mitarbeit in stationären und multiprofessionellen Teams, die Mitwirkung an der Fortbildung in der Seelsorge oder auch an der Pflegeschule, die Integration von ehrenamtlichen MitarbeiterINNEN sowie die Mitarbeit im psychosozialen Arbeitskreis.

RED: Wie kommt ein Patient mit Ihnen als Klinikseelsorgerin ins Gespräch?

IA: Entweder lassen die Patienten oder die Angehörigen eines Patienten mich übers Personal anfordern. Manchmal ist es auch direkt das Pflegepersonal, was mich anfordert und meint, ich solle mal nach dem Patienten schauen. Oder ich gehe von mir aus auf Patienten zu, die mir auf den Stationen begegnen.
Aufgrund der kurzen Liegedauer der meisten Patienten kommen wir mit vielen auch gar nicht in Kontakt. Die Datenerhebung in Bezug auf Seelsorgewunsch ist für uns mittlerweile irrelevant geworden, weil die mündliche Abfrage nach Seelsorgewunsch sehr unterschiedlich gehandhabt und bei vielen gar nicht erhoben wird, z.B. bei allen Notfallpatienten.
So ist es oft reine Glückssache auf jemanden zu treffen, dem die Seelsorge richtig hilfreich ist.

RED: Was sind so die Themen, über die die Menschen mit Ihnen reden möchten? Oder ist manchmal auch schweigen und einfach nur da sein gewünscht?


IA: Wenn die Patienten mich rufen, ist das Thema der Patienten für mich leichter und schneller zu erfassen. Ihnen liegt in der Regel etwas auf der Seele, was sie mit mir besprechen wollen. Das kann innere Unruhe, Angst vor der Zukunft oder die ganze Bandbreite von Kummer und Schmerz sein. Manchen wurde z.B. kurz und sachlich eine schlimme Diagnose übermittelt und einige Zeit danach wird den Patienten erst die ganze Tragweite der Mitteilung deutlich.
Dann fließen Tränen oder es kommt auch zu anderen nachvollziehbaren Stimmungsausbrüchen. Da ich nicht zum ärztlichen Team gehöre, bin ich eine wohltuende „Fremde“, der viel Vertrauen entgegengebracht wird. Es tun sich Gesprächsraume auf, manchmal mehr, manchmal weniger.

RED: Wann lässt man von Seiten des Pflegepersonals oder der Ärzteschaft nach Ihnen rufen?

IA: Wir werden als Krankenhausseelsorgende oft gerufen, wenn es ums Sterben geht, in der präfinalen oder finalen Phase des Sterbens, wenn es dem Patienten bzw. Angehörigen sozusagen erlaubt wird, zu sterben und alle therapeutischen Maßnahmen eingestellt werden.
In manch schweren Situationen, wenn viel geweint oder geklagt wird, bin ich in der Tat vor allem erst einmal da und schaue, wie ich in der Situation hilfreich sein kann. Manchmal besteht meine Seelsorge erst einmal darin, Taschentücher und Stühle zu besorgen, wenig zu sagen. Bei Patienten, die keine Angehörigen haben - das kommt gar nicht so selten vor -  sitze ich manchmal auch nur am Bett, singe oder schweige oder lese einen Psalm. Dann bin ich auch eine große Hilfe für die Mitarbeitenden, weil sie es verständlicherweise nicht gut aushalten, dass dieser Mensch so alleine leiden und sterben muss.
Ich werde aber auch gerufen, wenn ein Patient sehr lange im Krankenhaus liegen muss und dadurch psychisch leidet oder wenn neben der Erkrankung noch andere schlimme Ereignisse den Patienten begleiten wie z.B. Trauer, Sorge um Angehörige, Schuldgefühle usw.

RED: Wie verarbeiten Sie als Klinikseelsorgerin all das Leid und die Traurigkeit, die Ihren Alltag begleiten?

IA: Ich habe während meiner Zeit als Krankenhausseelsorgerin immer Supervision in Anspruch genommen und auch Supervision mit Kolleginnen und Kollegen in der Gruppe angeregt.
Beides war für mich wichtig. Daneben gab es auf kurzem Wege natürlich auch das persönliche Gespräch mit einzelnen Kolleginnen, wenn mir etwas zu schwer auf der Seele lag.
Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, meine Krankenhauseindrücke nicht mit nach Hause zu nehmen. Natürlich gibt es immer mal eine Ausnahme.
Übrigens ist in der Krankenhauseelsorge nicht alles schwer und das Leiden steht auch nicht nur im Vordergrund. Im Krankenhaus wird auch unter Mitarbeitenden gelacht, auch im Zimmer, wo Schwerstkranke zusammenliegen, in der Kantine und auf den Gängen. Es wird auch gestritten und um Verbesserungen in der Patientenversorgung gerungen.
Die Mitarbeitenden, Ärzte wie Pfleger/innen stehen unter enormen Druck.
Ich habe versucht, mich in meiner Arbeit möglichst normal zu bewegen, mich durch andere stärken und möglichst wenig demotivieren zu lassen. Das ist mir nicht immer gelungen, aber weitgehend.
Ich habe viel Kraft aus meinem Glauben gezogen, besonders aus dem Rückzug auf einzelne Lieder und Texte. Zudem hat mir die Rückmeldung der Patienten, Angehörigen und Mitarbeitenden viel Rückenwind und Elan gegeben, meine Arbeit gern zu machen.

RED: Vielen Dank Frau Ahlers für die Einblicke in die Krankenhausseelsorge des Evangelischen Kirchenkreises Stuttgart.