Stabwechsel bei den Grünen Damen

Christina Scheib verabschiedet sich aus der Leitung der "Grünen Damen und Herren" in den Stuttgarter Häusern der Evangelischen Kranken- und Altenhilfe e.V. Das Leitungsamt, das Scheib seit 2003 innehatte, übernimmt künftig Gisela Schneider.

Je 3 Fragen an Christina Scheib und Gisela Schneider...

© Christina Scheib

Stabübergabe bei den "Grünen Damen und Herren": Christina Scheib

© Gisela Schneider

Neue Landesbeauftragte der "Grünen Damen und Herren": Gisela Schneider

Die Evangelische Krankenhaus-Hilfe (EKH) Stuttgart, das sind rund 330 "Grüne Damen und Herren", die in mehreren Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen ihren ehrenamtlichen Dienst verrichten. Wie die Stabübergabe von Christina Scheib auf Gisela Schneider erfolgen soll und was es noch alles über die "Grünen Damen und Herren" zu berichten gibt, haben uns die beiden im Interview verraten.

RED: Frau Scheib, Sie sind seit 1991 eine "Grüne Dame". Wie wurden Sie das denn?

CS: Als Arzttochter neu in Stuttgart vor 40 Jahren, als die Kinder in Schule und Kindergarten versorgt waren, begann ich mit Ehrenamtsarbeit in der Nachbarschaftshilfe. 1989 zur DDR-Grenzöffnung kam eine Johanniter-Frau und Mutter eines Freundes unseres Sohnes auf mich zu. Sie war unten im Feuerbacher Flüchtlingsheim aktiv und bat um Mithilfe. Tja, und wir ca. 20 Johanniter-Damen beschlossen dann, eine neue Gruppe mit "Grünen Damen" im Bürgerhospital zu gründen.
Nach dem Einführungseminar wurde ich gleich als Leiterin dort eingesetzt - das war vor 26 Jahren.
Später kam dann noch die Landesbeauftragung dazu (2004), was automatisch die Aufnahme in den erweiterten Vorstand bedeutete.

RED: Welche Begegnungen mit Patientinnen und Patienten sind Ihnen in bleibender Erinnerung?

CS: Positiv in Erinnerung geblieben ist mir eine alte Dame im Krankenhaus mit Schlaganfall. Sie übte fleißig mit ihrem gelähmten Arm und berichtete mir, sie müsse sich anstrengen, denn sie wolle ja wieder in ihre Wohnung und zu ihrem Kätzchen zurück. Sie erzählte mir aus ihrem Leben. Der Mann, kurz nach dem Krieg vom Auto überfahren, sie ohne Beruf mit 2 kleinen Kindern. Nachts ging sie putzen, um zu überleben und die Kinder durchzubringen. Später eröffnete sie einen kleinen Kiosk. Alles finanziell sehr bescheiden. Jetzt wäre sie alt und bekäme nur eine kleine Rente von 400,—DM. Davon müsse sie Miete, Strom, Wasser und Heizung bezahlen. Neuerdings bekäme sie einen Zuschuss von der Stadt. Und da leuchteten ihre Augen:"Wissen Sie, mir geht es gut, denn ich kann mir einmal im Monat eine Flasche Sekt kaufen. Das leiste ich mir!"
Aber auch traurige Begegnungen. Eines Tages komme ich in ein Zimmer und habe eine ältere Schlaganfallpatienten im Bett vor mir, sehr gezeichnet von dieser Krankheit. Die Frau, alleinstehend und ohne Kinder, kann nicht mehr aufstehen und ist ein Pflegefall. Die Arme weint und kann sich kaum beruhigen. Nach längerer Trostzeit kann sie endlich sprechen. Man hatte ihr eröffnet, dass sie übergangslos sofort in ein Pflegeheim verlegt würde und nicht mehr in ihre Wohnung dürfe. Solche Situationen machen sprachlos, entsetzen und machen einen ganz, ganz hilflos...

RED: Geschichten, die das Leben schreibt... Was möchten Sie nach diesen unzähligen und wertvollen Erfahrungen Ihrer Nachfolgerin mit auf den Weg geben, liebe Frau Scheib?
 
CS:
Meiner Nachfolgerin, Frau Schneider, wünsche ich viel Freude an den übernommenen Aufgaben wie die Arbeit der Landesbeauftragung  für Baden-Württemberg, was auch Mitarbeit im erweiterten Vorstand in Berlin bedeutet, und die Leitung der Stuttgarter Häuser. Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass Gisela Schneider gute MitarbeiterINNEN und die tolle Leitungen in den Krankenhäusern und Altenheimen vorfindet, die wunderbar unterstützen und ganz stark mithelfen. Es ist und war einfach immer ein wunderbares Miteinander.
Außerdem ist Stuttgart in ganz Deutschland eine riesige Ausnahme: die direkte Unterstützung der "Grünen Damen und Herren" durch das Engagement des Kirchenkreises angeführt von Dekan Soren Schwesig, ein engagierter Ansprechpartner, der immer ein offenes Ohr für unsere Belange hat.
 
RED: Ganz herzlichen Dank, Frau Scheib. Und nun zu Ihnen, Frau Schneider. Für viele Menschen, mich eingeschlossen, ist das Krankenhaus eigentlich kein Ort, an dem man sich länger als nötig aufhält. Wie können Sie neue „Grüne Damen oder Herren“ für dieses Ehrenamt gewinnen und für wen ist das was?

GS: Am besten kann man mit Mund-zu-Mund-Propaganda jemanden hinzugewinnen! Man muss kommunikativ, freundlich, physisch und psychisch belastbar sein.

RED: Was sind denn die aktuellen Herausforderungen und Aufgaben der "Grünen Damen und Herren" im Klinikalltag bzw. in Pflegereinrichtungen und besonders im Umgang mit den Patienten und Patientinnen?

GS: Wir betreuen Patientinnen und Patienten auf den Stationen, kaufen für sie ein, lesen den älteren Patienten gerne etwas vor oder setzen uns zu ihnen und hören zu, wenn sie erzählen.
Wir nehmen uns Zeit und das ist mit das Wichtigste, wenn es gewünscht wird!
In bestimmten Krankenhäusern begleiten wir die Patienten auf die Stationen und bieten Bücher auf den Stationen an. Dabei können wir auf eine "Patientenbücherei" zurückgreifen, die dort vor Ort von "Grünen Damen und Herren" eingerichtet wurde.

RED: Manch grüner OP-Kittel ist einem schickeren blauen gewichen. Wäre auch bei den „Grünen Damen“ mal ein Farb- oder Namenswechsel fällig?

GS: Das Thema mit der Farbe des Kittels wurde schon einige Male erörtert. Zumal die Farbe Grün und der Name  bei den Patienten oft dazu führt, dass sie meinen, wir würden einer politischen Partei angehören. Blau ist aber auch nicht so glücklich, denn wenn wir uns vorstellen “Guten Tag, wir sind von den Blauen Damen und Herren“, ist das auch nicht so ideal...

RED: Ich danke Ihnen für das Interview und wünsche Ihnen beiden für die Zukunft alles erdenklich Gute.

Fotos: Katharina Brösamle