Das HOSPIZ STUTTGART bietet ab September 2018 wieder einen neuen Kurs für Personen an, die sich ehrenamtlich in der Begleitung von Menschen am Lebensende engagieren möchten. Ob Sterbebegeleitung zu Hause oder Sitzwache im Krankenhaus - so unterschiedlich die Situtationen, so vielfältig das Ehrenamt am HOSPIZ STUTTGART.

© Matthias Matthai/Fotohaus Kerstin Sänger

Martina Reinalter engagiert sich ehrenamtlich beim HOSPIZ STUTTGART

Krankheit, Leiden und Tod - das macht erst einmal Angst. Es kann aber auch das eigene Leben verändern, bereichern - behauptet eine, die sich seit sieben Jahren ehrenamtlich im Ambulanten Erwachsenenhospiz beim HOPIZ STUTTGART engagiert: Martina Reinalter. Die Diplom-Volkswirtin hat dabei so ihre ganz persönlichen Erfahrungen gemacht und sie sagt heute: "Es ist eine große Bereicherung in meinem Leben!" In unserem Interview macht sie Mut für ein Ehrenamt im HOSPIZ STUTTGART.

RED: Wie sind Sie denn zu Ihrem Ehrenamt beim HOSPIZ STUTTGART gekommen?

MR: Als ich 2011 mit der Ausbildung zur Ehrenamtlichen Begleiterin im HOSPIZ STUTTGART begonnen habe, hatte ich sozusagen einen Reifeprozess hinter mir. Es gab nicht den einen entscheidenden Impuls, es war vielmehr eine Entwicklung. Der Wunsch, Menschen auf ihrem letzten Weg beizustehen, da zu sein und ein Stück dazu beizutragen, dass Sterben in Würde gelingt, wurde immer stärker. Und irgendwann habe ich mich getraut, mit dem Hospiz Kontakt aufzunehmen. Ja, getraut, ich wusste ja nicht sicher, ob ich wirklich dazu in der Lage bin, ob ich das Sterben und die Trauer aushalte.
Heute kann ich sagen, es war eine meiner besten Entscheidungen und ich möchte es nicht mehr missen. Es ist eine große Bereicherung in meinem Leben. Meistens frage ich mich, wer hier mehr bekommt, der Sterbende und seine Angehörigen oder ich. Ich gebe meine Zeit, meine Präsenz, meine Zugewandtheit und bekomme so viel Offenheit, Vertrauen, Dankbarkeit und Einblicke in ganz unterschiedliche Leben zurück. Ich lerne ständig Neues über Menschen und das Leben. Ich werde angeregt über mein Leben nachzudenken und mir klar zu machen, was wichtig ist für mich. Ich lerne, die Kostbarkeiten des Lebens neu zu erkennen und zu entdecken. Ich kann sagen, dass mich diese Tätigkeit erdet, mich wieder ganz ins Hier und Jetzt bringt, ins Leben.

RED: Jetzt weiß man ja so ungefähr, was einem bei einem Ehrenamt im Hospiz erwartet… Waren Sie darauf eingestellt?

MR: Klar habe ich mich vorab mit den Themen Hospiz und Sterben beschäftigt, Bücher gelesen z. B. von Elisabeth Kübler-Ross - wie gesagt, es war ein Prozess. Ich hatte persönliche Erfahrungen mit Krankheit, Sterben und Tod. Was die Begleitung von schwer kranken Menschen und ihren Angehörigen wirklich bedeutet, was es von mir fordert, darauf war ich nicht in Gänze eingestellt, wie auch? Was es mit mir macht, konnte ich nicht erdenken, nur erfahren. Ich war offen und bereit, mich auf diese neue Aufgabe einzulassen. Das war die wichtigste Voraussetzung. Und es war klar, dass ich durch die Ausbildung im HOSPIZ STUTTGART darauf vorbereitet werde. Und es ist auch klar, dass ich immer nein sagen kann, wenn ich wegen einer Begleitung angefragt werde. Die Achtsamkeit hinsichtlich der eigenen Grenzen hat im HOSPIZ STUTTGART einen hohen Stellenwert uns Ehrenamtlichen gegenüber.

RED: Wie sind Sie in die ehrenamtliche Arbeit eingeführt worden?

MR: Die Ausbildung zur ehrenamtlichen Begleiterin findet in einer Gruppe mit max. 16 TeilnehmerINNEN statt und läuft über ca. 6 Monate. Am Anfang und zum Ende findet jeweils ein Wochenendseminar statt und dazwischen 1 Mal die Woche Kursabende. Ein mehrtägiges Praktikum auf der Station im Stationären Erwachsenenhospiz schließt sich daran an. Ein wesentlicher Inhalt ist die Selbsterfahrung, die Auseinandersetzung mit sich, den eigenen Erfahrungen mit Tod und Trauer, mit der eigenen Endlichkeit. Aber auch zu erleben, wie es ist, gepflegt zu werden. Wir alle mussten in die Rolle der Pflegebedürftigen schlüpfen und durften die Erfahrung machen, gefüttert zu werden. Das ist nur ein Beispiel. Für mich war die Erfahrung sehr nachhaltig und hat mich sehr viel achtsamer gemacht. Selbstverständlich werden viele fachliche Themen vermittelt: Phasen im Sterbeprozess, Bedürfnisse Sterbender, Schmerz und Symptome im Sterbeprozess, Symbolsprache, Hygiene, aber auch Abläufe, Organisatorisches und Formales und ganz wichtig auch die Selbstpflege und Kraftquellen. Die Ausbildung ist sehr umfassend und man wird sehr fundiert auf die künftigen Begleitungen vorbereitet.

RED: Das eine ist manchmal die Vorstellung, das andere die knallharte Realität… Wie gehen Sie heute mit den Themen Krankheit und Tod um?

MR: Durch die Arbeit im HOSPIZ STUTTGART gehören Krankheit und Tod selbstverständlicher zu meinem Leben. Ich habe weiterhin großen Respekt vor diesen Themen, aber sie gehören dazu wie alles andere auch. Ich habe erfahren, wie wichtig und wertvoll es ist, einfach da zu sein, auch ohne Worte. Ich habe gelernt auszuhalten, auch wenn es schwer ist, weil ich nichts ändern kann. Die eigene Machtlosigkeit zu erkennen, anzunehmen und auszuhalten, das hilft in vielen anderen Situationen auch.
Und nach all den Jahren bin ich immer noch aufgeregt vor dem ersten Besuch bei einem sterbenden Menschen. Wir gehen zu den sterbenden Menschen nach Hause. Und trotz sehr guter Vorbereitung durch die hauptamtlichen Kolleginnen, betrete ich eine mir fremde Wohnung. Und trotz aller Erfahrung und Wissen kann es sein, dass ich auf eine Situation treffe, die mich überfordert, in der ich nicht weiß, was ich tun soll. Und hier geben die Hauptamtlichen Sicherheit. Sie sind für mich als Ehrenamtliche immer erreichbar, immer! Man kann im Umgang mit Krankheit und Tod viele Erfahrungen haben, Routine wird es nie.

RED: Und dann sind da die Tage, wo man selber mal nicht so gut drauf ist oder sich kraftlos fühlt… Wie tanken Sie wieder Energie für dieses Ehrenamt bzw. in wie weit bekommen Sie von Seiten des Hospizes Unterstützung, Hilfe, Rückendeckung?

MR: Manchmal ist es belastend, weil es so traurig ist, weil es für die Menschen so schwer ist oder man ist selber gerade dünnhäutiger. Hier ist der Austausch mit der hauptamtlichen Kollegin und mit der Gruppe ganz wichtig. Ich muss mit meinen Erlebnissen und Eindrücken nicht alleine klarkommen. Der Austausch mit den hauptamtlichen Kolleginnen ist entlastend. Sie haben immer ein offenes Ohr. Der Austausch ist aber auch notwendig, um wichtige Rückmeldungen zu geben und sich abzustimmen, wie es weitergehen soll. Die monatlich stattfindenden Gruppenabende dienen auch der Supervision. Hier werden die Begleitungen besprochen und hier erhalte ich auch Entlastung und Unterstützung, emotional und ganz praktisch. Und es gibt immer wieder Fortbildungsangebote für uns Ehrenamtliche, auch hinsichtlich der Selbstpflege und möglicher Kraftquellen. Nach einem Besuch suche ich gezielt den Blick auf das Schöne und Leichte im Leben, im Sommer kann das auch ein leckeres Eis sein.

RED: Wer wird beim Ehrenamt in der Hospizarbeit so dringend gebraucht bzw. wie muss man dafür „gestrickt“ sein?

MR: Es gibt nicht den Hospiz-Typ. So unterschiedlich wie die Menschen sind, so unterschiedlich dürfen und sollen ja auch die Menschen sein, die sich als Ehrenamtliche im Hospiz einbringen. Aber ein paar Eigenschaften wären aus meiner Sicht schon sinnvoll: Es braucht die Bereitschaft, sich auf die Themen Krankheit, Sterben und Trauer einzulassen, sich damit zu konfrontieren. Es braucht die Offenheit und das Bewusstsein dafür, dass jeder Mensch anders und das Sterben ganz individuell ist. Es folgt keinen Phasen oder Regeln; es ist immer anders. Das Wichtigste ist für mich die Haltung als Ehrenamtliche. Wir sind BegleiterINNEN. Wir gehen an der Seite des/der Sterbenden und er bzw. sie bestimmt das Tempo und den Weg. Für mich heißt das, mich einzulassen und während der Begleitung meine Erwartungen, Absichten, Vorstellungen bewusst hinten anzustellen. Wenn man dazu grundsätzlich bereit ist und bereit ist, für diese Aufgabe, Zeit aufzubringen, dann kann ich nur empfehlen, Kontakt mit dem HOSPIZ STUTTGART aufzunehmen. Wie bereits gesagt, für mich ist es eine große Bereicherung, die ich nicht mehr missen möchte.

RED: Vielen Dank, liebe Frau Reinalter, für die ausführlichen und persönlichen Einblicke in Ihre Arbeit als Ehrenamtliche im HOSPIZ STUTTGART.