Besuch aus der Schweiz: Christoph Sigrist

Christoph Sigrist, Pfarrer am Großmünster in Zürich und Botschafter des Reformationsjubiläums, kommt zur Kirchenkreissynode nach Stuttgart. Dort wird er den Impulsvortrag „Kirche im Wandel“ halten.
Sein Credo: „Tut um Gottes Willen etwas Tapferes!“ – reformieren heißt, den Sprung ins kalte Wasser wagen.
24.03.2017 / 17.30 Uhr / Paul-Lechler-Saal Hospitalhof

6 Fragen an Christoph Sigrist...

© CS

Christoph Sigrist, Botschafter des Reformationsjubiläums

Christop Sigrist gibt an diesem Abend im Hospitalhof Einsichten aus dem Reformprozess der Stadt Zürich mit besonderem Augenmerk auf die reformierte Prägung der Kirche. Er ist seit 2003 Pfarrer am Großmünster in Zürich sowie seit 2014 Privatdozent für Diakoniewissenschaft an der theologischen Fakultät der Universität Bern. Der 54jährige hat Theologie in Zürich als auch in Tübingen und Berlin studiert. Als Mitglied oder Präsident in diversen diakonischen Stiftungen und in übergemeindlichen Gremien, so zum Beispiel im Stiftungsrat des Hilfswerkes der Evangelischen Kirchen der Schweiz (HEKS) und im Zürcher Forums der Religionen (Präsident), übernimmt er 2017 die Aufgabe des Botschafters des Reformationsjubiläums in der Schweiz.

RED: Sie sind Botschafter des Reformationsjubiläums. Wie wird man das und was sind Ihre Aufgaben?

CS: Ich bin von der Synode unserer Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Zürichs zusammen mit Pfarrerin Cathrin Mc Millen als Botschafter/Botschafterin für die 500 Jahr Feiern gewählt worden. Unsere Aufgaben sind es, der Botschaft der Reformation ein Gesicht zu geben, andere Pfarrpersonen, Freiwillige und Funktionäre der Kirche zu unterstützen und zu motivieren. Ich versuche das mit vielen Referaten, Besuchen und auch Führungen im Großmünster Zürich.

RED: Welche Botschaft verbreiten Sie denn im Jubiläumsjahr der Reformation? Und wen soll sie erreichen?

CS: Ich versuche durch den Schattenwurf Zwinglsi (www.schattenwurfzwingli.ch) sowie durch das Mysterienspiel „Die Akte Zwingli“ die essentiellen Inhalte des reformatorischen Erbes in der Öffentlichkeit zu debattieren. Disputationen und der Einbezug der gesellschaftliche Kräfte als demokratisches Instrument, das Zwingli seit Kindsbeinen an durch die Alpgenossenschaften im Toggenburg kennengelernt und in Zürich durch das Zunftwesen und die Struktur der beiden Räte vorgefunden hat, sind für uns in Zürich grundlegend. Dabei gibt es drei Prinzipien, die ich inhaltlich für die Reformprozesse in unserer Kirche, in der Stadt und im Kanton, für äusserst hilfreich erachte:

1. Das Prinzip der Reduktion – der leere Kirchenraum als schöpferisches Potential für neue Formen der Inkulturation und Inkorporation des Evangeliums, das heißt der menschlichen Gerechtigkeit im Lichte der göttlichen Gerechtigkeit.

2. Das Prinzip der Inspiration: Im öffentlichen Raum ereignet sich in der Interaktion zwischen auslegender Person und hörender Gemeinde das gute Wort, das beim Empfänger als Wort Gottes aus der Bibel neue Einsichten auf sein Leben und Handeln eröffnet.

3. Das Prinzip der politischen Dimension der Bibel. Das Aushandeln der menschlichen Gerechtigkeit im Blick auf die göttliche Gerechtigkeit führt zur Debatte über Gottesbild und Menschenbild in der heutigen pluralen Gesellschaft und wirkt sich in den drei sozialen Brennpunkten Gesundheit und Wohlergehen, Existenz und Arbeit sowie Integration und Migration aus.

RED: Die Reformation liegt ja nun schon ein paar Tage zurück. Was ist heute an den Gedanken von Huldrych Zwingli (1484 - 1531), dem Schweizer Theologen und ersten Zürcher Reformator noch aktuell?

CS: Aktuell ist die Orientierung an der Schrift und die Ausrichtung auf die Gesellschaft sowie die Befreiung von kirchlich einengenden Prägungen.

RED: Sie leben und arbeiten in der Schweiz. In wie weit unterscheidet sich die Entwicklung der Reformationsgeschichte zu Deutschland? Gibt es Parallelen?

CS: Der gesellschaftliche Kontext ist immer bestimmend für eine Entwicklung. So sind in der Schweiz Demokratie, Humanismus und Förderalismus grundlegend und wirken sich auch darauf aus, wie Kirche ist. Wir haben zum Beispiel kein großes Diakonisches Werk wie in Deutschland mit mehr als 400.000 Arbeitsplätzen, das sein Verhältnis zur Kirche immer neu definieren muss. Hierarchisches Denken oder die Existenz von Bischöfen ist uns in der Schweiz fremd. Diakonisches Handeln in Institutionen und Kirchengemeinden ist Teil des kirchlichen Auftrages in der Gesellschaft.
 
RED: Nehmen wir mal an, Sie hätten Martin Luther persönlich getroffen. Worüber hätten Sie mit ihm gestritten oder wären mit ihm einer Meinung gewesen?

CS: Ich wäre sehr mit seiner Zuwendung zu Lust und Freuden, Schmerz und Leiden der Menschen einverstanden. Ich würde heftig mit ihm streiten gegenüber dem Ausschluss der Bauern, den antisemitischen Äusserungen sowie seinem Frauenbild. Und beim unterschiedlichen Verständnis dessen, was beim Abendmahl* geschieht, würde ich ihn liebevoll ermutigen, sich auf einen Dialog mit uns Reformierten einzulassen als einer, der sich damals jeder Diskussion verweigert hat.
 
RED: Schauen wir in die Zukunft: Angesichts der zahlreichen Kirchenaustritte in Deutschland stellt sich die Frage, ob sich die großen christlichen Kirchen einer neuen Reformation stellen müssen? Wie könnte diese aussehen bzw. was ist überholt oder überfällig?

CS: Einer neuen Reformation müssen sich die christlichen Kirchen nicht wegen den Austritten stellen, sondern wegen ihrem Grund und Fundament. Christus ist nach der Theologin Dorothee Sölle der Name für das Andere oder für das Anderswerden. Die Umkehrmöglichkeit und Freiheit, immer auch anders zu werden, beinhaltet ein Urvertrauen in Gott. Ich vertraue darauf, einen ersten Schritt ins Offene wagen zu können, ohne zu wissen, wohin ich den Fuss beim zweiten Schritt hinsetze.
Die Kirchen haben kein Exklusiv-Recht für die Beantwortung religiöser Fragen in der Gesellschaft. Eine Kirche, die sich in einer Minderheitensituation befindet angesichts anderer religiöser Gemeinschaften und Weltdeutungen, muss immer wieder neu nach ihrer Identität fragen. Und sie muss sich in aller Offenheit für den Dialog einsetzen und sich dabei abgrenzen von jeglicher Art von Fundamentalismus. Der Platz der Kirche ist nicht mehr im stillen Kämmerlein, sondern mit Hoffen und Beten mitten auf dem Marktplatz.

Mehr über Christoph Sigrist gibt es unter http://www.christophsigrist.ch/ und grossmuenster.ch/de/

Die Kirchenkreissynode am 24. März 2017 ist eine öffentliche Veranstaltung. Der Vortrag von Christoph Sigrist beginnt um 17.30 Uhr im Paul-Lechler-Saal des Hospitalhofs, Büchsenstraße 33 in 70174 Stuttgart.