Wechsel in der Krankenhausseelsorge

Diakonin Barbara Neudeck hat nach 15 Jahren als Seelsorgerin im Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK) zum Diakonieklinikum in Stuttgart gewechselt. Sie verabschiedet sich damit von ihren Patientinnen und Patienten im RBK und freut sich auf die neue seelsorgerische Aufgabe.

"Nicht müde werden, sondern dem Wunder wie einem Vogel die Hand hinhalten." - ein Vers der deutschen Lyrikerin Hilde Domin, deren Nachlass übrigens im Deutschen Literaturarchiv Marbach liegt - beschreibt den Stellenwechsel von Barbara Neudeck. Doch was bringt so ein Klinikalltag alles mit sich? Welche Geschichten erlebt man und wie geht man damit um?

Wir haben bei Barbara Neudeck, die übrigens in Lima (Peru) geboren wurde und nicht nur Seelsorgerin sondern auch ausgebildete Erzieherin und Systemische Therapeutin ist, nachgefragt.

6 Fragen an Barbara Neudeck...

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Barbara Neudeck im seelsorgerischen Gespräch mit einer Patientin

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Gottesdienst im RBK mit Barbara Neudeck

RED: Nach 15 Jahren verlassen Sie als Seelsorgerin das RBK. Was hat Sie in dieser Zeit am meisten geprägt?

BN: Zum einen der Strukturwandel der Krankenhäuser, denn die Veränderungen im  Gesundheitswesen von Bettenzahlen zu Fallpauschalen brachten eine große Veränderung. Patienten hatten bald eine kürzere Verweildauer. Dazu kam, dass Patienten früher ermutigt wurden, aufzustehen und sich zu bewegen. Das half vielen Komplikationen entgegenzuwirken und sie waren schneller fit. Früher gab es 2-3 Gespräche mit demselben Patient, heutzutage oft nur eines.
Zum anderen hat sich die Seelsorge aus dem Nischendasein der 70/80er Jahre heraus entwickelt und ein eigenes Profil entwickelt. So wird Wert auf eine kompetente Seelsorge gelegt und Weiterbildung in Ethik, in der Sterbebegleitung und Supervision sind heute usus.

RED: Und was nehmen Sie an seelsorgerischen Erfahrungen mit?

BN: Ich staune immer wieder über die vielen Begegnungen mit Menschen, die sich mir Fremden oder gerade weil ich fremd bin, geöffnet haben, von ihrem Leben erzählt und mir ihre Sorgen und Ängste anvertraut haben. Und ich staune immer wieder darüber, wie diese Menschen äußerlich oder innerlich aufstehen, über sich hinauswachsen, Schritte wagen...
In diesen Prozessen sehe ich mich eher als Begleiterin im Zuhören, in der Suche, was ihnen gut tut und was ihnen helfen kann. Dazu hat die systemische Therapie sehr beigetragen, die Stärken der Menschen zu sehen, ihre Ressourcen zu aktivieren oder gar in traumatischen Situationen Patienten wieder zur Handlungsfähigkeit zu verhelfen. In vielen Fällen achte ich sehr auf mein „Bauchgefühl“, was jetzt gerade dran ist und biete es Patienten an. Manchmal ist es nur das Zuhören, ein anderes Mal die Bestätigung, dass  mein „Gegenüber“ auf einen guten Weg mit sich selbst ist. Eine ganz wichtige Säule ist auch der Glaube und das Vertrauen in Gott. Dann biete ich ein Gebet, das Abendmahl,  eine Segnung oder eine Salbung an, manchmal auch eine Imagination mit dem Licht oder Engel Gottes.
Und dann ist da immer noch die Auseinandersetzung mit dem Leid – auch das Aushalten von Leid und auch das Aushalten, dass es darauf keine einfache Antwort gibt, oder besser gesagt, jeder darauf eine eigene Antwort finden muss. So ist mein Bild, dass Gott auch in  den dunklen Seiten des Lebens da ist, der in dieser endlichen, sterblichen Welt Menschen begleitet, nicht unbedingt für den anderen genauso so gewiss, sondern möglicherweise  ist Hader oder Zweifel oder Anklage im Vordergrund.
Und ich denke, dass Zweifel und Hader zum Glauben gehören als die andere Seite der Medaille – es sind immer wieder der Garten Gethsemane und das  Kreuz, das „ mein Gott, warum hast du mich verlassen…“. Auch mir stellen sich die Fragen nach diesem dunklen Gott.
Dann setzte ich mich immer wieder mit unser aller Sterblichkeit und meine Vorbereitung darauf auseinander. Doch wie schwer ist die Angst davor und das Leid und die Schmerzen, auch wenn man viele Schmezen lindern kann, und seine Lieben zu verlassen, die zurückbleiben. Das hat dazu geführt, dass ich schon vor Jahren,  so gut es geht, auch für das Ende meines Lebens gesorgt habe.
Aber das Schwere im meinem Beruf macht nicht verzweifelter, sondern lässt mich das Leben wert schätzen. So erinnere ich mich, als ich ca. 3 Uhr morgens in der Nacht von einer Sterbebegleitung eines Frühchens im Olgahospital, mit dem Taxi nach Hause fuhr. Leere Straßen - „mein“ Taxi wurde von einem anderen in einer Kurve geschnitten. Darauf lieferte sich „mein „Fahrer" ein Wettrennen mit dem Kontrahenten, trotz meiner Bitten aufzuhören, und stellte den anderen Taxifahrer. Beide stiegen aus und beschimpften sich – bis es mir reichte und ich lautstark dazwischen schrie und  in kurzen Sätzen erzählte, was es für Eltern bedeutet, ihr Kindes zu verlieren und weswegen sie beide wegen Nichtigkeiten rasen und dabei unser aller Leben aufs Spiel setzten. Beide verstummten augenblicklich, zogen die Köpfe ein und stiegen ins Auto und fuhren weiter.

RED: Welche Geschichte hat Sie am meisten berührt?

BN: Ich erinnere mich an eine kleine familiäre Trauerfeier für ein fehlgeborenes Kind in der 28. Schwangerschaftswoche Das verstorbene Kind lag in einem kleinen Weidenkörbchen, umringt von den Eltern und den 4 Geschwistern, die voller Trauer von dem Kleinen Abschied nahmen. Sie fassten ihn an und streichelten ihn. Nach meinen Worten und Gebeten nahm der Vater das Körbchen mit dem Kleinen und stellte es auf den Altar, sah auf zu dem großen Tor und den Worten. Er las die Worte laut und sagte dann: „Das gilt nun auch für dich mein Kleiner und auch in unseren Herzen lebst du ewig.“

RED: Was wird Ihnen am RBK am meisten fehlen?

BN: Zunächst fehlt mir mein kürzlich verstorbener Kollege – er hinterlässt nicht nur als Kollege, sondern auch als Freund eine Lücke in meinem Leben.
Aber auch das ökumenische Team meiner Kollegen samt den ehrenamtlichen Seelsorgerinnen, das ich im RBK zurücklasse, fehlt mir, der kurze Austausch, das aneinander Anteilnehmen, die gute Zusammenarbeit...
Auch fehlen mir manche Pflegenden und Ärzte, grüne Damen und Herren, Mitarbeiter aus vielen Bereichen, mit denen ich all die Jahre gut zusammengearbeitet habe und wo Beziehungen gewachsen sind. Ebenso werden mir auch manche Bereiche fehlen, in denen ich mich ein wenig „spezialisiert“ habe. Und es fehlt mir die Kapelle in ihrer hellen, offenen und zugleich geborgenen und symbolträchtigen, lebensbejahenden und gottesgegenwärtigen Ausstrahlung.
Ich habe gerne dort gearbeitet und die Erfahrungen, Erlebnisse und vor allem die Beziehungen dort führten dazu, dass ich es als „mein“ Krankenhaus angesehen habe, jetzt als „mein altes Krankenhaus“.

RED: Sie wechseln nun ans Diakonieklinikum – was erwartet Sie dort für eine Aufgabe?

BN: Durch den Neuanfang und mit der Erfahrung in der Seelsorge bin ich in der wunderbaren Situation, wieder mehr Zeit für die eigentliche Aufgabe, die seelsorgerlichen Besuche, zu haben. Ein neues Haus, andere Strukturen, andere medizinischen Schwerpunkte und ein neues Team der Seelsorge bringen auch für mich ein Überdenken der gewohnten Denkweisen, der eigenen Rolle, der seelsorgerlichen Haltung und Arbeitsstrukturen mit sich. Das tut gut und bereichert mich. Zudem ist hier auch ein sehr gutes und  nettes ökumenisches Team, wo Verlässlichkeit und Austausch bestens funktioniert. In der Zeit, in der ich hier bin, habe ich erlebt, dass in diesem konfessionellen und evangelischen Krankenhaus, die Seelsorge eine ganz andere Gewichtung und einen ganz anderen Stellenwert hat. Seelsorge ist durchweg durch alle Bereiche bekannt und geachtet. Spürbar ist, dass viele Christen, abgesehen von der guten medizinischen Versorgung, gerne aus diesem Grund hier her kommen. Viele umschreiben es mit den Worten: „Hier ist eine andere Atmosphäre und ein anderer Umgang spürbar - persönlicher und christlicher.“ So bin ich gespannt  wie sich meine Arbeit hier entwickeln wird. Noch kenne ich nicht alle Wege und Orte, aber ich fange schon an, mich hier wohlzufühlen und ich sage schon“ im meinem neuen Krankenhaus“, wenn ich jemandem von hier erzähle.

RED: War es vielleicht auch Zeit für etwas Neues?

BN: Nach jahrelanger kommissarischer Geschäftsführung der Evangelischen Seelsorge mit 50% und vielen Anfragen und Aufgaben, sei es per Mail oder Telefon oder auf anderen Wegen und durch die Bekanntheit der langen Präsenz war es immer wieder ein Kampf, Prioritäten zu setzten und die Zeit für die Seelsorge an sich zu haben.