(M)ein Tag in der Vesperkirche Stuttgart

Bei der Vesperkirche Stuttgart ist schon wieder Halbzeit. Noch bis zum 3. März 2018 ist die Leonhardskirche in Stuttgart-Mitte die tägliche Anlaufstelle für unzählige Menschen, die hier im kalten Winter für ein paar Stunden Unterschlupf finden, eine warme Mahlzeit bekommen und einfach mal kurzzeitig die Seele baumeln und die Straße hinter sich lassen können. Dann sind Ehrenamtliche und SeelsorgerINNEN zur Stelle. Einer von ihnen ist Diakon Martin Pomplun.

© Monika Johna

Noch bis zum 3. März 2018 geöffnet: Die Vesperkirche Stuttgart

Ein Januarmorgen in Stuttgart. Auf meinem Weg in die Leonhardskirche komme ich an einem Christbaumsammelplatz vorbei. Da liegen sie nun aufgetürmt, die Nordmanntannen und Fichten, als letzte Zeugen der Festtage. Und in meiner Phantasie male ich mir aus, was die Bäumchen alles für Geschichten erzählen könnten. Aber mein Weg geht weiter und pünktlich um 8 Uhr bin ich in der Kirche angekommen.

Heute bin ich zum Frühdienst eingeteilt. Ich schließe die Kirche am Seiteneingang auf. Noch bin ich ganz allein. Ich genieße für einen Augenblick die leere Kirche und die Ruhe. Der Raum riecht noch Sauerkraut vom Vortag. Wenige Minuten später kommen die ersten ehrenamtlichen MitarbeiterINNEN. Auch sie sind heute zum Frühdienst eingeteilt. Und so beginnt die Routine für diesen Tag: Wir wischen die Gästetische ab, füllen die Zucker- und Milchspender auf, schneiden das gespendete Brot und den Hefezopf auf und ich zünde die Kerzen am Altar an. Die Kerzen brennen die gesamte Vesperkirchenzeit über: 7 Wochen lang – ein sichtbares Zeichen, dass Vesperkirche Gottesdienst ist – davon bin ich überzeugt.

Zwischenzeitlich sind auch die ersten Behälter mit frischem Kaffee und Tee angekommen. Der Kaffeeduft mischt sich mit den Sauerkrautdüften. Nochmals ein Blick über den Kirchenraum. Alle Arbeiten sind erledigt, die Turmuhr schlägt 9 und es wird Zeit, die Türen der Vesperkirche für diesen Tag zu öffnen. Von innen schließe ich die große Haupttüre auf und trete nach draußen auf den Kirchplatz. Und wie jeden Morgen harren schon ca. 20 Menschen auf dem Platz aus und warten darauf, endlich in die „warme“ Kirche zu kommen.

Einige Obdachlose sind dabei, die nun, nach einer kalten Januarnacht im Schlosspark oder unter der Paulinenbrücke, einen heißen Kaffee und ein Stück trockenes Brot genießen und ihren Schlafsack im Kirchenraum trocknen. Aber auch Frau K. steht heute wieder vor der Kirchentür. Frau K. ist Rentnerin, hat 3 Kinder erzogen und gearbeitet. Und doch reicht ihre Rente kaum noch aus, um ihre Miete und die anderen Kosten aufzubringen. Frau K. ist jeden Morgen um 9 Uhr da; 7 Wochen lang. In der Zeit kann sie daheim die Heizung herunterdrehen und so Heizkosten sparen.

So füllt sich die Kirche langsam mit den unterschiedlichsten Menschen und die morgendliche Ruhe weicht immer mehr. Schnell ist der Stapel an ausgelegten Tageszeitungen vergriffen. Morgenlektüre zum Frühstück – auch in der Vesperkirche Stuttgart! Wer wenig hat, kann sich ein Abo nicht mehr leisten.

Bis 10 Uhr sind dann auch alle anderen MitarbeiterINNEN in der Vesperkirche angekommen. Ob hauptamtlich oder ehrenamtlich. Rund 40 Personen werden es auch an diesem Tag wieder sein, um die Vesperkirche am Laufen zu halten. Pünktlich um 10:30 Uhr treffen sich dann alle zur täglichen Besprechung und Arbeitseinteilung in der Sakristei. Was gibt´s Besonderes an diesem Tag? Eine kurze Unterweisung zur Hygiene und Sauberkeit folgt. Wer arbeitet in welchem Bereich und zum Ende der Besprechung ein Segenswort für den Tag.

Und dann kann es losgehen: Rund 400 Vesperpakete werden bis zum Nachmittag gerichtet sein. Zwischen 400 und 600 Portionen warmes Mittagessen werden ausgegeben. Die ehrenamtlich arbeitenden Hausärzte in der Vesperkirche Stuttgart werden manche „Wunde“ versorgt haben und es werden auch heute wieder viele, viele Gespräche und Begegnungen stattfinden. Es wird gelacht werden, gestritten und manchmal auch ganz still geweint.

Inzwischen ist es wieder dunkel geworden. Ein langer Vesperkirchentag ist für mich zu Ende gegangen. Und auf meinem Weg nach Hause komme ich wieder an den ausrangierten Christbäumen vorbei. An einem Bäumchen hängt noch ein Fetzen Lametta und funkelt durch den Schein der Straßenlaterne.
Weihnachtsglanz auch nach Weihnachten. Ein bisschen hat es heute auch in der Vesperkirche gefunkelt.

Text: Diakon Martin Pomplun