Die Stuttgarter Jugendkirche

Am 14. Dezember 2003 startete die Stuttgarter Jugendkirche in der Martinskirche unweit des Hauptbahnhofs. Es ist die erste Jugendkirche in evangelischer Trägerschaft nicht nur in Württemberg, sondern deutschlandweit. Die erste vor allem in der Hinsicht, dass sie auf Dauer angelegt ist und mit einem Konzept der Raumaneignung arbeitet. Hervorgegangen ist die Jugendkirche aus der so genannten Programmwerkstatt der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Stuttgart im Jahr 1999. Bei dieser Tagung über neue Ansätze kirchlicher Großstadtarbeit wurde als Problem benannt, dass "die traditionell geprägte Kirche häufig weit entfernt von dem Leben junger Menschen" sei. Wenn aber Jugendliche selbst eine Kirche - genauer: ein Kirchengebäude - nach eigenen Vorstellungen gestalten und beleben dürfen, dann sollten dabei Angebote entstehen können, die für Jugendliche attraktiv sind, weil sie selbst diese Angebote aus ihr Lebenswelt heraus entwickeln. So die ersten Überlegungen.

Nachfolgend wurden Jugendliche in Stuttgart nach Vorstellungen von "ihrer" (Jugend)Kirche gefragt. Etwa 250 Jugendliche reagierten. Ergebnis: Eine Jugendkirche soll offen wirken, aber eine "echte" Kirche sein, allerdings ohne Bänke. Sie soll wohltuend gestaltet sein, aber auch über moderne Veranstaltungstechnik verfügen. Räume zum Werken, Gestalten, Spielen, Essen und Trinken braucht es, aber auch Bereiche der Stille und für ernstere Gespräche. So weit die Theorie, wie sie von Jugendlichen mit Texten, Zeichnungen, Collagen, Modellen und einem Videofilm dargestellt wurde.

In der Praxis mussten, wenn man denn die Programmwerkstatt und die Befragung ernst nimmt, eine geeignete Kirche gefunden, diese zur Gestaltung freigegeben sowie ein Kosten- und Finanzierungsplan erstellt werden. Und tatsächlich war die Stuttgarter Nordgemeinde, welche über vier Kirchen verfügt, bereit, ihre Martinskirche frei zu geben. Die 1937 gebaute Kirche hat einen großen Kirchensaal sowie zahlreiche Neben- und Kellerräume. Deren "Umwidmung" in eine Jugendkirche würde die genuine Gemeindearbeit nicht beeinträchtigen, da die Gottesdienst schon seit längerer Zeit meistens in einem separaten Raum der Kirche stattfinden (der unangetastet bleibt) und unweit ein eigenes Gemeindehaus steht. Auf Grund des experimentellen Charakters sollte die Jugendkirche in der Martinskirche als ein zunächst auf drei Jahre angesetztes Projekt realisiert werden. Die Kosten für Umbau, Betrieb und Personal wurden mit 900.000 Euro überschlagen. Die Evangelische Gesamtkirchengemeinde beschloss im Oktober 2000, dass die Jugendkirche realisiert werden sollte. Zur Finanzierung wurden neben Eigenmitteln vor allem Projektfördermittel der Landeskirche, Fördermittel der Stadt Stuttgart und Spenden beitragen.

Im nächsten Schritt erarbeitete ein Team eine detaillierte Konzeption. Deren Kernpunkte nennen als Ziele die weitgehende Selbstverwaltung sowie die Begleitung Jugendlicher bei ihrer Gestaltung der Kirche und bei ihrer Suche nach religiöser Orientierung. Jugendkirche sollte "ein geistliches Zentrum im Kontext gegenwärtiger Jugendkulturen" sein. Sie ist Experimentierfeld, Veranstaltungsplattform und Ereignisraum des Evangeliums, wie es von Jugendlichen gehört wird. Wesentlich ist hierzu, dass der Kirchenraum als solcher erhalten bleibt, samt Kruzifix, Altar, Kanzel und Orgel. Allerdings werden um flexibler Nutzung willen alle Bänke herausgenommen. Wesentlich sind außerdem das Café und die unterschiedlichst nutzbaren Kellerräume. Insofern wird ein kirchlicher Rahmen vorgegeben und gestaltet. Was jedoch dort genau stattfindet, bleibt einem offenen Prozess vorbehalten.

Immer wieder besuchen Schulklassen, Jugend- und Konfirmandengruppen die Kirche, um dort thematisch zu arbeiten. Das legt sich vor allem beim Thema "Sterben, Tod, Auferstehung" wegen des benachbarten Pragfriedhofes nahe. Das bietet sich zum anderen wegen der spezifischen Kellerräume beim Thema "Krieg und Frieden" an. Es handelt sich nämlich um ehemalige Luftschutzräume, in denen noch Gasschleuse, Stahltüren und die fluoreszierenden Fluchtwegkennzeichnungen erhalten sind. Konkret begonnen haben drei Gitarrenkurse sowie eine Band und ein Theaterworkshop.

 

Leitung der Jugendkirche:
Jugendpfarrer Matthias Rumm
Fritz-Elsas-Straße 44
70174 Stuttgart
Telefon 0711-18771-77

www.jugendkirche-stuttgart.de