Hospiz Stuttgart

Menschliche Zuwendung für Sterbende / Foto: dpa

In der Villa ist der Tod allgegenwärtig – das Leben auch!

Bericht von Wenke Böhm dpa, Sommer 2009

 

Hell durchflutet Sonnenlicht die Räume im ersten Stock der Jugendstilvilla. Der Tisch ist gedeckt, Kaffeeschwaden überlagern den Duft weißer Pfingstrosen. Brötchen, Wurst, Käse und Marmelade stehen bereit. Eine ganz normale Wohnung, wäre da nicht der «Ort des Gedenkens» nur wenige Schritte weiter.

 

Dort liegt zu Füßen der engelhaften Skulptur «Ein Licht aus Liebe» ein aufgeschlagenes Buch. «Fritz Wittenbach*» steht dort in schwarzen Lettern, er starb am Pfingstmontag. Eine Kerze, ihm zu Ehren angezündet, ist schon wieder gelöscht. Der Tod ist allgegenwärtig im Stuttgarter Hospiz, dessen stationärer Bereich in diesen Tagen 15 Jahre alt wird. 

 

«Camembert, ich brauche nur Camembert», sagt Malwine Herzberg, als sie sich an den gedeckten Tisch setzt. «Hmm, wie der Käse läuft!» Sie lächelt. Und schwärmt. Das Paradies auf Erden sei es hier. Die Schwestern seien so nett. Jeder Wunsch werde ihr erfüllt. Die blaugrünen Augen der 86-Jährigen blitzen. Trotz ihres hohen Alters scheint sie voller Leben, lacht gern und viel. Über das Schwäbische, etwa, das die in Dänemark aufgewachsene Deutsche auch nach 50 Jahren im Ländle noch immer nicht beherrscht. «Lupfen - an das Wort werde ich mich wohl nie gewöhnen.» 

 

Doch dann wird sie ernst, die Falten auf der Stirn vertiefen sich.«Ich war pumperlgesund - bis der Tumor im Darm gefunden wurde.» Ihre Tage sind gezählt. Als sie daran denkt, füllen sich ihre Augen kurz mit Tränen, die würdevolle Weißhaarige wirkt auf einmal grau und müde. Doch dann gewinnt der Schalk wieder die Oberhand. «Ich gehe jetzt auf mein Zimmer. Schwester Margret, helfen sie mir meine schweren Beine ins Bett zu 'lupfen'?», sagt sie und lächelt. 

 

Weil an Pfingsten gleich zwei Bewohner gestorben sind, sind an diesem Morgen nur vier der sieben Hospiz-Betten belegt. Zwei Schwestern und zwei Krankenpflege-schülerinnen haben Dienst, bei der Übergabe am Morgen war von unruhigen Nächten die Rede, von Schmerzen, Atemnot und Flüssigkeitsverlust - aber auch von einer schönen Geburtstagsfeier. So mobil wie Malwine Herzberg sind die anderen drei Patienten nicht. Zwei von ihnen haben ebenfalls Krebs im Endstadium - mit Metastasen in Lunge und Knochen. Der dritte leidet unter der Nervenkrankheit ALS. Sie verlassen das Bett kaum noch. 

 

Deutschlandweit gibt es laut Bundesverband rund 1300 ambulante Hospiz-Initiativen sowie 200 stationäre Hospize und Palliativstationen, in denen todkranke Patienten gepflegt und betreut werden. Eine Hospiz-Maxime ist, die Medikamente so zu dosieren, dass die Patienten möglichst schmerzfrei sind und dennoch so aktiv wie möglich am Leben teilnehmen können. 2008 wurden 83 «Gäste» auf Station versorgt, pro Woche sterben im Schnitt ein bis zwei. «Es gab auch Patienten, die unser Hospiz wieder verlassen haben», erzählt Schwester Margret Füchsle - manchmal, weil sie sich wider Erwarten stabilisiert haben. Andere jedoch sterben nur wenige Minuten nach ihrer Ankunft.

 

Margret Füchsle arbeitet seit rund zehn Jahren im Hospiz. Ihr Credo beim Umgang mit Patienten und mit dem Thema Tod ist Offenheit. «Wenn wir versuchen würden, den Tod von Mitpatienten geheim zu halten, würde das nur Ängste schüren», sagte die 47-Jährige.

 

Einfühlungsvermögen ist für die erfahrene Hospiz-Schwester das A und O. Im Alltag und erst recht beim Sterben: Als eine junge Frau stundenlang mit dem Tod rang, unfähig, sich zu äußern, mutmaßte ihr Mann irgendwann, dass sie womöglich lieber allein sterben wolle - weil sie auch im Leben alles allein geregelt habe. Er hatte Recht. Erst als sich die bei der Frau ausharrende Mutter auf eine Kaffeepause einlassen konnte, hat ihre Tochter für immer die Augen geschlossen.

 

Psychologisches Gespür ist wichtig in diesem Beruf. «Aber so glücklich sind sie doch auch nicht immer», sagt Schwester Margret prompt im Wintergarten zu Malwine Herzberg. «Sind sie nicht manchmal wütend?» Die 86-Jährige schaut sie eine Weile an. Dann sagt sie langsam: «Ja, stinksauer! Warum muss das ausgerechnet mich treffen, alles auf einmal. Ich lebe doch so gern.»   (* Die Namen der PatientInnen wurden geändert)

 

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Hospiz Stuttgart: ambulante und stationäre Begleitung Sterbender, Schulung in der Elisabeth-Kübler-Ross-Akademie und ambulantes Kinderhospiz

 

Seit 1987 begleiten Schwestern, Pfleger sowie freiwilligen Helferinnen und Helfer des Hospizes kranke und sterbende Menschen sowie deren Angehörige. Dies geschah zunächst nur ambulant, also bei den Menschen zuhause. Gegründet wurde das Hospiz von der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde, der Evangelischen Diakonissenanstalt und der Evangelischen Gesellschaft.


Eine Reise zu zwei Hospizen in England, dem Mutterland der Hospizbewegung, brachte 1989 neue Impulse. Der Plan reifte, ein eigenes Haus zu bekommen, zumal man immer wieder an Grenzen stieß, wenn Kranke intensivere als die ambulante Betreuung brauchten, eine Einweisung in ein Krankenhaus oder Pflegeheim jedoch nicht angemessen war. Eine Jugendstilvilla in herrlicher Halbhöhenlage konnte am 26. Januar 1994 als stationäres Hospiz mit sieben Betten eingeweiht werden.


1994 wurde der Förderverein Hospiz gegründet. Er hilft ideell und finanziell. Zur Finanzierung des Hospiz reichen nämlich die Zuschüsse der Stadt, der Stiftungen (Robert Bosch, Helene Pfleiderer, Lieselotte Gradmann, Addy von Holtzbrinck Stiftung GmbH) und die Beiträge von Krankenkassen sowie die Eigenmittel der Patienten bei weitem nicht aus. Die Arbeitsgemeinschaft Hospiz schießt zwar jährlich rund 100.000 Euro zu, aber man bleibt auf Spenden in erheblichem Ausmaß angewiesen.

Was Hospizarbeit bedeutet, lässt sich eigentlich nur vor Ort erleben. Etwa wenn man der heutigen Leiterin des stationären Hospizes Susanne Kränzle zuschaut. Ihre Arbeit beginnt mit dem Einsatzplan für die Freiwilligen, beinhaltet die Planung einer Informationsveranstaltung in einer Krankenpflegeschule, schreitet weiter zum Treffen mit Brückenschwestern, hat einen Ruhepunkt beim gemeinsamen Mittagessen in der Wohnküche, erfordert einen Erstbesuch bei einer Sterbenden und ist mit Telefonaten, Besorgung von Blumen und Gruppenabenden noch lange nicht zu Ende, weil manche Begegnung noch lange in ihr nachklingt.

Mit dem Dienst der Ambulanten Hospizschwestern wird eine Lücke im bestehenden Versorgungssystem geschlossen, vor allem im Bereich der medizinisch-pflegerischen Beratung von Menschen, die an einer nicht von Krebs verursachten Krankheit leiden. Dies kann beispielsweise ein Schlaganfall, eine schwere Organerkrankung, eine Muskelerkrankung, eine dementielle Erkrankung oder Aids sein. Ziel ist es, ein Sterben in Geborgenheit unter Linderung körperlicher und seelischer Beschwerden, zu Hause zu ermöglichen.

Andere werden von Nachtgesprächen erzählen können, von dem gemeinsamen Lachen und Weinen und von überraschenden Gesprächswendungen. Richard Loewe erinnert sich: "Frau Bauer fragt: ´Was geschieht, wenn ich sterbe?` Ich versuche zu spüren, was in Frau Bauer vor sich geht und es formt sich eine Antwort in mir: ´Früher haben Christen davon gesprochen, dass jeder Mensch einen Engel hat, seinen Schutzengel, und dass dieser Engel seinen Menschen im Tod abholt und zu Gott begleitet.` Da beginnen die Augen von Frau Bauer zu leuchten, und spontan sagt sie: ´Ja, ich möchte, dass mein Engel mich abholt.` Wenige Tage später ist Frau Bauer tot. Im Raum des Abschieds liegt sie, liebevoll aufgebahrt, mit Blumen in ihren Händen. Ihr Gesicht lächelt. Ihre Gestalt strahlt tiefen Frieden aus. Sie hatte sich gewünscht, von ihrem Engel abgeholt zu werden. Nun hat sie selbst engelhafte Züge angenommen."


Hospiz Stuttgart

 

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