Auf ein Wort
Reine Übungssache: sehen lernen
Mir fällt immer wieder auf: Auf Reisen sehe ich viel mehr als im Alltag. Die schöne Landschaft, das südländische Stadtleben, den weiten Horizont am Meer. Ich schaue in die Ferne, ich sitze im Straßencafé und beobachte Menschen, ich bücke mich bei der Wanderung und betrachte ein kleines Insekt.
Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich auf Reisen Dinge entdecke, die könnte ich zu Hause auch sehen. Ich gehe beispielsweise an einem Ufer entlang und betrachte die schönen Kieselsteine. Doch Kieselsteine gibt es auch zu Hause, am nächsten Bach. Warum sehe ich im Alltag so viel weniger, warum schweift mein Blick so oft rasch zum nächsten und übernächsten?
Vor einigen Jahren musste ich eine Zeitlang an Krücken gehen. Alles ging langsamer. Beim Gang durch meine Straße musste ich immer wieder kleine Verschnaufpausen einlegen. Was ich da auf einmal alles entdeckt habe, in meiner Straße, gleich ums Eck! So oft war ich achtlos daran vorübergegangen. An dem liebevoll gestalteten Namensschild. An dem herrlichen Rosenstrauch. Oder an dem Fassadengemälde, das ein Kind zeigt, das auf einem Delfin reitet. Ich hatte es immer übersehen. Jetzt erst fiel es mir auf. Wie blind wir doch oft sind!
Jetzt, im Sommer, habe ich Zeit. Jetzt ist das Leben entspannt, obwohl ich keinen Urlaub habe. Es sind einfach weniger Termine und Verpflichtungen. Das ist eine prima Gelegenheit, mir fürs Schauen, fürs Hinschauen Zeit zu nehmen. Und neu sehen zu lernen…
Machen Sie mit?
Christoph Schweizer, Medienpfarrer des Evangelischen Kirchenkreises Stuttgart


